Titel & Einordnung
Wie viele Ihrer Mitarbeitenden sind heute emotional erschöpft — und was kostet das Ihre Organisation in Franken? Genau diese Frage beantwortet der Job-Stress-Index (JSI) von Gesundheitsförderung Schweiz — und liefert HR, GL und Geschäftsleitung damit die wohl wichtigste Kennzahl der Schweiz zum Verhältnis von Belastungen und Ressourcen am Arbeitsplatz. Die Daten sind repräsentativ, peer-begleitet (Universität Bern und ZHAW) und seit 2014 in periodischen Erhebungen verfügbar.
Der Inhalt
Was misst der Job-Stress-Index?
Der JSI ist das durchschnittliche Verhältnis von arbeitsbezogenen Belastungen (Zeitdruck, Konflikte, Unsicherheit) und Ressourcen (Handlungsspielraum, Wertschätzung, soziale Unterstützung) der erwerbstätigen Bevölkerung in der Schweiz. Werte um 50 signalisieren ein ausgeglichenes Verhältnis; Werte darüber zeigen ein Zuviel an Belastung. Der Index wurde 2022–2025 grundlegend überarbeitet; die Datenerhebung des neuen JSI 2026 ist abgeschlossen, die Publikation der Resultate ist für das erste Quartal 2027 vorgesehen. [quelle: job-stress-index-schweiz]
Die zentralen Befunde 2022
Die letzte vollständig publizierte Erhebung (Februar 2022) basiert auf einer repräsentativen Befragung von 3’022 Erwerbstätigen zwischen 16 und 65 Jahren. Die wichtigsten Kennzahlen: [quelle: job-stress-index-schweiz]
- Job-Stress-Index 2022: 50.66 — im Mittel ausgeglichen, aber signifikant ungünstiger als 2014 und 2016. Die leichte Verbesserung gegenüber 2020 (50.83) ist statistisch nicht signifikant.
- 28.2 % im kritischen Bereich — beinahe drei von zehn Erwerbstätigen berichten deutlich mehr Belastungen als Ressourcen. Diese Personen erleben mehr Zeitdruck und mehr Konflikte am Arbeitsplatz und erhalten weniger Handlungsspielraum und weniger Wertschätzung.
- 30.3 % emotional erschöpft — erstmals seit Beginn der Erhebung 2014 wird die 30-Prozent-Marke überschritten. 2020 lag der Anteil noch bei 28.7 Prozent, 2018 bei 27.1 Prozent.
- 6.5 Mrd. CHF ökonomisches Potenzial — das ist der Betrag, den die Schweizer Wirtschaft zusätzlich produktivieren könnte, wenn alle Erwerbstätigen ein ausgeglichenes Verhältnis von Belastungen und Ressourcen hätten. 1.5 Mrd. CHF durch reduzierten Absentismus, 5 Mrd. CHF durch reduzierten Präsentismus. 2020 lag das Potenzial noch bei 7.6 Mrd. CHF.
- 14.9 % Produktivitätsverlust — Stress reduziert die Produktivität von Erwerbstätigen im Durchschnitt um 14.9 Prozent der Arbeitszeit (Absentismus plus Präsentismus).
Längsschnittstudie 2020–2022
Während der Covid-19-Pandemie hat Gesundheitsförderung Schweiz zusätzlich eine Längsschnittstudie mit 926 Personen zu drei Messzeitpunkten (Februar 2020, 2021, 2022) durchgeführt. Die zentralen Befunde: [quelle: job-stress-index-schweiz]
- Das Verhältnis von Belastungen und Ressourcen, das Wohlbefinden und die Produktivitätsverluste bleiben im Verlauf der Pandemie insgesamt stabil. 2021 zeigt sich eine leichte Verbesserung, die sich 2022 zum Teil wieder umkehrt.
- Hinter der insgesamt stabilen Situation verbergen sich gegenläufige Entwicklungen: Für manche Gruppen verbessert sich die Lage, für andere verschlechtert sie sich. Männer und ältere Erwerbstätige berichten tendenziell positivere Entwicklungen.
- Wer ein ungünstiges Verhältnis von Belastungen und Ressourcen erlebt, ist kurz- und langfristig emotional erschöpfter. Veränderungen im JSI sagen neben Erschöpfung auch Produktivitätsverluste, Gesundheit und arbeitsbezogene Einstellungen vorher.
- Das Arbeiten im Homeoffice hat seit 2020 stark zugenommen: Vor der Pandemie arbeiteten 23 % der Befragten einen oder mehr Tage pro Woche im Homeoffice, 2021 waren es 50 %, 2022 noch 45 %. Für Personen ohne Führungsfunktion oder mit mehr Ressourcen als Belastungen geht eine Zunahme des Homeoffice-Anteils mit einer Reduktion von Produktivitätsverlusten einher.
Wissenschaftliche Trägerschaft
Die Erhebung wird in Zusammenarbeit mit zwei akademischen Partnern durchgeführt: [quelle: job-stress-index-schweiz]
- Universität Bern (Institut für Psychologie): Lic. phil. Sibylle Galliker, Dr. Ivana Igic, Prof. Dr. Achim Elfering, Prof. em. Dr. Norbert Semmer.
- ZHAW Departement Angewandte Psychologie (Forschungszentrum Organizational Behavior): Dr. Beatrice Brunner, Dr. Christoph Thommen.
Diese Trägerschaft ist wichtig: Sie macht den JSI zitierfähig in der eigenen Geschäftsleitung und gegenüber der HR — anders als kommerzielle «Engagement-Befragungen» einzelner Anbieter.
Das BGM-Ökosystem
Gesundheitsförderung Schweiz bietet rund um den JSI ein ganzes Bündel von Instrumenten an: [quelle: job-stress-index-schweiz]
- Friendly Work Space — das Label für systematisches BGM.
- Job-Stress-Analysis — ein Analysetool, das die JSI-Methodik unternehmensspezifisch anwendbar macht.
- Leadership-Kit — speziell für Führungskräfte konzipierte BGM-Werkzeuge (Aktionsfelder: Engagement, Teambeziehungen, Ziele, Sinn, positive Emotionen).
- HR-Toolbox — Werkzeugkasten für HR-Verantwortliche zu Themen wie Über-/Unterforderung, Konflikte, Mobbing, flexible Arbeitszeitmodelle.
Direktorenstimme
Thomas Mattig, Direktor von Gesundheitsförderung Schweiz, bringt es in der Medienmitteilung zur JSI-2022-Erhebung auf den Punkt: «Mitarbeitende sind das wichtigste Gut eines Unternehmens, gerade in Zeiten des Fachkräftemangels. Unternehmen sollten Sorge zu ihnen tragen.» [quelle: job-stress-index-schweiz]
Die leadnow-Brille
Der Job-Stress-Index hat für die KMU-Praxis einen unschätzbaren Wert: Er macht sichtbar, was in der eigenen Wahrnehmung oft unsichtbar bleibt — die strukturelle Erschöpfung. Die 30.3 % emotional erschöpften Erwerbstätigen sind kein individuelles Versagen, sondern ein Branchen- und Strukturphänomen. Genau diese Verschiebung — von «die Mitarbeitenden müssen resilienter werden» zu «die Bedingungen müssen gesünder werden» — ist der Hebel des JSI. In der Sprache der leadnow-Brille: Das Problem sitzt nicht in der persönlichen Achse des Mitarbeitenden, sondern in der organisationalen Achse — also dort, wo Führung wirkt.
Gleichzeitig hat der JSI eine Grenze: Er misst Verteilung und Volumen, nicht Ursachen in der konkreten Organisation. Eine GL, die ihre eigenen 30 % Erschöpfung reduzieren will, weiss nach der Lektüre des JSI noch nicht, welche ihrer konkreten Führungsentscheide in welcher Situation den Hebel ausmacht.
Die Spiegelfrage
Könnte es sein, dass Ihre eigene Organisation zu jenen 28 % gehört, deren JSI im kritischen Bereich liegt — und dass Sie das nicht bemerken, weil Sie selbst den Vergleichsmassstab verloren haben?
Der nächste Schritt
Nutzen Sie die Job-Stress-Analysis oder den BGM-Check von Friendly Work Space, um den JSI in Ihrer eigenen Organisation zu messen — und vergleichen Sie das Ergebnis mit dem Schweizer Mittelwert von 50.66. Mehr zu Selbstwirksamkeit, Belastung und Wirkung auf dem Radar unter Spine.
Verwandte Einträge
- gesundheitsorientierte-fuehrung — HoL als Führungsantwort auf den JSI.
- energiekreislauf-der-fuehrung — Führung speist oder zehrt; der JSI misst die Zehrseite.
- selbstwirksamkeitsmodell — wo der Mitarbeitende im Bemüht-vs-Wirksam-Spektrum steht.
- was-ist-wirksame-fuehrung — die operative Übersetzung der JSI-Befunde.
- bani-in-der-praxis-kmu — Schweizer Anker zur Führung in unsicheren Lagen.
- schweizer-hr-barometer — komplementäre Schweizer Datenquelle zu Sinn, Langeweile und Erschöpfung.
- european-working-conditions-survey — die europäische Vergleichserhebung, in deren Kontext der JSI steht.
- rob-cross-collaboration-overload — Cross’ «Micro-Stresses»-Konzept liefert die Mechanik, die der JSI in den Zahlen andeutet.
Offene Fragen
- Die Überarbeitung 2022–2025 macht einen Vorher-Nachher-Vergleich der Zeitreihe schwierig. Die Aussage «Erschöpfung steigt seit 2014» bleibt plausibel, ist aber methodisch nicht mehr ganz sauber.
- Die Veröffentlichung der JSI-2026-Resultate ist für Q1 2027 angekündigt — die aktuellsten Zahlen werden also erst dann verfügbar sein.
- Die JSI-Daten sind repräsentativ für die Erwerbstätigen in der Schweiz, sagen aber nichts über KMU (100–250 MA) im Speziellen aus. Eine separate Aufschlüsselung nach Betriebsgrösse wäre für die Zielgruppe des Wikis besonders wertvoll.
Quellen
- Gesundheitsförderung Schweiz (2022). Faktenblatt Job-Stress-Index 2022. Bern.
- Gesundheitsförderung Schweiz (2022). Medienmitteilung Job-Stress-Index 2022. 23.08.2022.
- Gesundheitsförderung Schweiz (o. J.). Job-Stress-Index: Stress bei Erwerbstätigen in der Schweiz. https://gesundheitsfoerderung.ch/betriebliches-gesundheitsmanagement/themen-und-publikationen/themen/job-stress-index
- Friendly Work Space. Studie Job-Stress-Index. https://friendlyworkspace.ch/de/themen/arbeitsbedingter-stress/studie-job-stress-index
- Universitäre Partner: Universität Bern (Prof. Dr. Achim Elfering et al.) und ZHAW Departement Angewandte Psychologie (Dr. Beatrice Brunner, Dr. Christoph Thommen).
- Stiftungsbasis: getragen von Kantonen und Versicherern mit gesetzlichem Auftrag gemäss Krankenversicherungsgesetz Art. 19.