Titel & Einordnung

Das Schweizer HR-Barometer ist die zentrale Längsschnittstudie zur Arbeitssituation in der Schweiz und wird gemeinsam von der ETH Zürich, der Universität Luzern und der Universität Zürich herausgegeben. Die Ausgabe 2024 trägt den Schwerpunkt “Sinn und Unsinn in der Arbeit” und basiert auf einer Befragung von 2’032 Beschäftigten zwischen März und Juni 2024, gezogen aus dem Stichprobenregister des Bundesamtes für Statistik.

Der Inhalt

Wer steht dahinter

Herausgeber sind Gudela Grote, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich, und Bruno Staffelbach, Leiter des Centers für Human Resource Management an der Universität Luzern. Die Studie wird seit 2006 regelmässig publiziert; die Vorläuferreihe startete 2005. Das Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert. [quelle: schweizer-hr-barometer]

Der Sinn-Indikator

Das zentrale Ergebnis 2024: Für 47% der Beschäftigten ist die Arbeit sinnvoll, für weitere 36% zumindest teilweise. Das klingt auf den ersten Blick positiv — die zweite Zahl im selben Bericht ist die kritische: 24% der Beschäftigten fühlen sich “oft oder immer” von der eigenen Arbeit entfremdet. Die Arbeit wird als Bürde empfunden, sie sind desillusioniert und distanziert. [quelle: schweizer-hr-barometer]

Der Langeweile-Trend

Ein zweiter, oft zitierter Befund: Im Jahr 2024 hat sich fast ein Viertel der Beschäftigten mindestens manchmal bei der Arbeit gelangweilt. Vor zehn Jahren waren es 12%. Die empfundene Langeweile hat sich also in einer Dekade verdoppelt. Für Führungskräfte in KMU ist das eine harte Aussage: Es liegt nicht nur an der Generation, es liegt an dem, was wir aus der Arbeit gemacht haben. [quelle: schweizer-hr-barometer]

Die Stellenwert-Verschiebung

Erwerbstätige in der Schweiz bewerten die Wichtigkeit verschiedener Lebensbereiche: Familie und Freizeit liegen mit knapp 30% praktisch gleichauf mit der Erwerbsarbeit. Im Vergleich zu 2014 hat die Erwerbsarbeit leicht an Bedeutung verloren, die Freizeit leicht gewonnen — im Schnitt 4–5 Prozentpunkte. Mit zunehmendem Alter gewinnt die Erwerbsarbeit an Bedeutung (von 28% auf 36%), die Freizeit verliert (von 31% auf 22%). [quelle: schweizer-hr-barometer]

Der gestiegene Sicherheitsdrang

Fast die Hälfte der Beschäftigten (45%) ist an einer traditionell sicherheitsorientierten Karriere interessiert — also einem langfristigen Verbleib im Unternehmen, nicht zwingend mit Hierarchieaufstieg. In den Vorjahren lag dieser Anteil noch unter 40%. Der Anstieg wird mit gesellschaftlichen und technologischen Unsicherheiten erklärt (Automatisierung, Digitalisierung, KI). [quelle: schweizer-hr-barometer]

Die Stagnation des psychologischen Vertrags

Während in den Vorjahren die Erwartungen der Arbeitnehmenden leicht stiegen und die Angebote der Arbeitgebenden nachzogen, zeigt 2024 eine Stagnation. Die Angebote sind im Vergleich zu 2022 nahezu unverändert; die Erwartungen sind mehrheitlich stabil oder leicht rückläufig. Das ist nicht überraschend — der Arbeitsmarkt ist 2024 deutlich weniger entspannt als 2022, und die Beschäftigten passen ihre Erwartungen an. [quelle: schweizer-hr-barometer]

Was die Studie nicht zeigt

Das HR-Barometer misst Stimmungen, Erwartungen und Einstellungen. Es misst nicht direkt Führungsqualität, und es misst nicht, ob Langeweile oder Entfremdung durch eine konkrete Führungskraft verursacht werden. Wer aus der Studie ableitet “Unsere Kultur ist das Problem”, überspringt den entscheidenden Schritt: Die Frage, welche Führungskraft, welches Team, welcher Prozess.

Die leadnow-Brille

Das HR-Barometer liefert den seltenen Vorteil einer schweizweiten, repräsentativen Datenbasis. Die Zahl 24% Entfremdung und die Verdopplung der Langeweile in 10 Jahren sind nicht wegzuwischen — sie sind ein Spiegel der Erwerbsarbeit in der Schweiz. Wo die Brille fehlt: Das Barometer misst aggregierte Zustände; es ersetzt nicht die Frage, was in einem konkreten Team von 8–15 Leuten gerade passiert. leadnow ergänzt: Wer im HR-Barometer den Sinn-Verlust sieht, sollte im eigenen Team die Scheinschen Ebenen mitdenken — oft liegt der Verlust nicht auf der Ebene der Werte, sondern auf der Ebene der unausgesprochenen Annahmen (“Bei uns wird Überstunden nicht hinterfragt”, “Wer Sinn fragt, gilt als anstrengend”). Der Sicherheitsdrang von 45% passt zum Bild einer Belegschaft, die Erwartungen runterfährt, weil sie sich nicht mehr sicher fühlt — was die Frage aufwirft, ob das, was wir als “sicher” verkaufen, überhaupt noch das ist, was Mitarbeitende suchen. Was am HR-Barometer zu würdigen ist: Die Studie ist die wichtigste schweizweite Längsschnittquelle zur Arbeitssituation — die ETH/Uni Luzern/Uni Zürich-Trägerschaft und die Nationalfonds-Förderung machen sie zur Referenzgrösse, an der jede Schweizer HR-Politik gemessen wird.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass die wachsende Langeweile und das Sinken des Sinnempfindens, das das HR-Barometer für die Schweiz insgesamt misst, in Ihrem Team nicht durch “die Generation” oder “die Wirtschaftslage” entsteht, sondern durch unausgesprochene Annahmen, die Sie noch nie explizit gemacht haben?

Der nächste Schritt

Nehmen Sie sich 30 Minuten, bevor Sie das nächste Team-Update vorbereiten: Welche der vier HR-Barometer-Achsen (Sinn, Kohärenz, Aufgehen in der Arbeit, Entfremdung) ist in Ihrem Team am schwächsten? Fragen Sie drei Leute aus unterschiedlichen Hierarchiestufen, ohne es als Befragung zu deklarieren. Der Leadnow Radar misst die Kulturdimension in Ihrer Organisation und vergleicht sie anonym mit anderen Schweizer KMU.

Zum Radar →

Verwandte Einträge

Offene Fragen

  • Die 24% Entfremdung sind ein Durchschnittswert. Wie verteilt sich Entfremdung über Branchen, Hierarchiestufen und Altersgruppen? Die Originalpublikation müsste dafür geöffnet werden.
  • Wie verhält sich der Schweizer Wert zum europäischen Durchschnitt? Ein direkter Vergleich mit Eurofund oder dem deutschen DGB-Index Gute Arbeit wäre aufschlussreich.
  • Das HR-Barometer misst Stimmungen, nicht Ursachen. Welche Längsschnittkorrelationen zeigen sich zwischen Führungsqualität (gemessen z. B. via Gallup Q12) und dem Sinnempfinden über die Jahre?

Quellen