Titel & Einordnung
Rita Gunther McGrath, Professorin an der Columbia Business School und Thinkers50-Preisträgerin 2013, hat 2019 mit Seeing Around Corners den Begriff des «Inflection Point» als operatives Führungswerkzeug etabliert — mit einem Vorwort von Clayton Christensen [quelle: rita-mcgrath-seeing-around-corners]. Für Schweizer KMU-CEOs ist das Buch die praxistaugliche Schwester zu Christensen: Es verschiebt den Blick von der Analyse des Vergangenen (Disruption) zur Diagnose der Gegenwart (Inflection Points).
Der Inhalt
Wer ist Rita McGrath?
McGrath, geboren am 28. Juli 1959 in New Haven (Connecticut), studierte am Barnard College (BA 1981), an der Columbia School of International and Public Affairs (MPA 1982) und promovierte 1993 an der Wharton School mit einer Dissertation zur Kompetenzentwicklung in etablierten Organisationen. Seit 1993 ist sie an der Columbia Business School, wurde 2009 Fellow der Strategic Management Society und 2013 mit dem Thinkers50 Distinguished Achievement Award in Strategy ausgezeichnet. 2022 erhielt sie den C. K. Prahalad Award for Scholarly Impact on Practice [quelle: rita-mcgrath-seeing-around-corners]. Ihr Vorgängerbuch The End of Competitive Advantage (2013) hatte bereits das Argument vorbereitet, dass dauerhafte Wettbewerbsvorteile im volatilen Markt seltener werden — Seeing Around Corners liefert die operative Antwort darauf.
Die Kernthese
Inflection Points — also jene Punkte, an denen eine Branche «knickt» und sich Geschäftslogiken, Margenstrukturen oder Kundenerwartungen grundlegend verschieben — wirken plötzlich, sind es aber nicht. Jede scheinbar überraschende Verschiebung ist die letzte Stufe eines Prozesses, der sich über Jahre subtil aufgebaut hat. Wer die richtigen Werkzeuge hat, kann diese Punkte sehen, bevor sie eintreten — und sich einen Wettbewerbsvorteil verschaffen [quelle: rita-mcgrath-seeing-around-corners].
Die vier Bausteine
Das Buch liefert vier ineinandergreifende Werkzeuge, die das Argument operativ machen:
(1) Schwache Signale erkennen. Inflection Points kündigen sich nicht durch laute Alarmsignale an, sondern durch kleine, scheinbar unbedeutende Verschiebungen — ein verändertes Kaufverhalten einer Randkundschaft, eine neue Regulierung in einem Nachbarland, eine Verschiebung in der Lieferantenstruktur. McGrath nennt diese Vorboten «weak signals» und liefert einen Katalog von Signaltypen [quelle: rita-mcgrath-seeing-around-corners].
(2) Strategische Planungs-Frameworks. McGrath ersetzt den klassischen Fünf-Jahres-Plan durch kurzzyklische «Discovery-Driven Planning» — ein Vorgehen, bei dem Hypothesen, Annahmen und Reversibilität im Vordergrund stehen, nicht fixe Endzustände. Die Methode wurde bereits 1995 von McGrath und Ian MacMillan in der Harvard Business Review vorgestellt [quelle: rita-mcgrath-seeing-around-corners].
(3) Wettbewerbsvorteil durch Reaktion. Beispiele wie Amazon (das den physischen Buchhandel disruptierte, ohne selbst ein Buchladen zu sein) und Netflix (das Blockbuster durch Abo-Modell und Streaming ersetzte) illustrieren, wie Pioniere Inflection Points nutzten. Gegenbeispiele — Blockbuster, Toys R Us — zeigen, wie Etablierte die Zeichen übersahen [quelle: rita-mcgrath-seeing-around-corners].
(4) Innovation Proficiency. McGrath fasst darunter die Fähigkeit einer Organisation zusammen, Signale aufzunehmen, Hypothesen zu testen und schnell zu pivotieren — eine Disziplin, die Chefs nicht alleine leisten können, sondern die in der Organisation verankert sein muss.
Rezeption
Das Buch wurde 2019 von Harvard Business Review und Strategy+Business positiv aufgenommen. Auf der Plattform Goodreads wird es mit durchschnittlich 4,4 von 5 Sternen bewertet (Stand 2026, basierend auf 347 Bewertungen der Kindle-Ausgabe) [quelle: rita-mcgrath-seeing-around-corners]. Die Kollegen-Rezeption lobt die operative Übersetzung des Christensen-Erbes in Werkzeuge, die auch ohne Konzern-Research-Abteilung anwendbar sind.
Was die Theorie einordnet
McGrath schliesst explizit an Christensen an («Christensen hat erklärt, warum Unternehmen scheitern; ich erkläre, wie Sie verhindern, dass es Ihnen so geht»), grenzt sich aber ab: Christensen beschreibt die strukturelle Logik über lange Zeiträume; McGrath liefert die Frühwarnzeichen und die operative Reaktionsfähigkeit [quelle: rita-mcgrath-seeing-around-corners].
Die leadnow-Brille
McGraths Pointe ist im KMU-Kontext unterschätzt: Sie kombiniert die Christensen’sche Disruptions-Logik mit der operativen Frage, was diese Woche neu im Posteingang ist im Vergleich zu letzter Woche. leadnow liest das Buch durch die Brille der Selbstwirksamkeit: Die Fähigkeit, schwache Signale zu erkennen, hängt direkt daran, ob die Führung noch glaubt, darauf reagieren zu können — ein CEO im «bemüht»-Modus filtert Signale weg, weil er glaubt, ohnehin nichts ausrichten zu können, und verliert genau dort den Inflection Point. Was McGrath offenlässt: Sie beschreibt die kognitive und methodische Seite, nicht die teamdynamische, und in einem 150-Mann-Betrieb ist die Frühwarn-Disziplin nie eine Einzelübung des Chefs, sondern ein System, das nur funktioniert, wenn das mittlere Management die Signale weitergeben darf, ohne dafür bestraft zu werden. Genau dort verbindet sich das Buch mit der Idee der Psychologischen Sicherheit und mit der Frage, wie eine KMU-Innovations-Kultur jenseits des Chefs entsteht.
Die Spiegelfrage
Könnte es sein, dass Sie in den letzten zwölf Monaten zwei, drei Signale wahrgenommen haben, die Sie sofort als unwichtig abgelegt haben — und dass es nicht die Signale waren, die zu schwach waren, sondern Ihre Bereitschaft, sie ernst zu nehmen?
Der nächste Schritt
Versuchen Sie diese Übung: Schreiben Sie heute Abend drei Dinge auf, die in Ihrem Geschäftsumfeld in den letzten sechs Monaten «komisch» waren — kleine Verschiebungen, die Sie nicht einordnen konnten. Wenn Sie keine finden, haben Sie wahrscheinlich schon aufgehört hinzusehen. Wenn Sie drei finden, prüfen Sie, ob Sie nächste Woche mit Ihrer GL darüber sprechen können. Der Leadnow Radar zeigt unter Innovation, wie gut Ihre Organisation auf Inflection Points vorbereitet ist — anonym und kostenlos.
Verwandte Einträge
- christensen-innovators-dilemma — die strukturelle Voraussetzung: McGrath setzt dort an, wo Christensen die Diagnose beendet.
- cynefin-framework — Snowdens Komplexitäts-Rahmen ergänzt McGraths Signallehre um die Frage, in welchem Kontext eine Reaktion überhaupt sinnvoll möglich ist.
- scharmer-theorie-u — das Pendant auf der Achse «Innere Aufmerksamkeit»: McGrath beschreibt das Aussen, Scharmer die Haltung, die Signale überhaupt erst wahrnehmen lässt.
- komfortfalle — die typische Schweizer Reaktion auf schwache Signale: man sieht weg, weil das Wegsehen kurzfristig billiger ist.
- kotter-leading-change — wer einen Inflection Point erkannt hat, muss anschliessend die Organisation durch den Wandel tragen.
Offene Fragen
- Die in der Literatur genannten Beispielzahlen (z. B. konkrete Umsatzeinbrüche bei Blockbuster oder Toys R Us) sind im Buch eher illustrativ als statistisch hergeleitet; eine saubere Trennung zwischen Anekdote und Empirie wäre im Wiki zu ergänzen. (offen seit 2026-07)
- Die Methode des «Discovery-Driven Planning» ist seit 1995 dokumentiert, hat aber in der KMU-Praxis der Deutschschweiz bislang kaum Verbreitung — eine Übersetzung in den KMU-Alltag (100–250 MA) fehlt. (offen seit 2026-07)
- Die Brille-Verknüpfung zwischen McGraths Signaltheorie und dem Konzept der Selbstwirksamkeit ist hier heuristisch; eine empirische Bestätigung im KMU-Kontext steht aus. (offen seit 2026-07)
Quellen
- McGrath, Rita Gunther (2019). Seeing Around Corners: How to Spot Inflection Points in Business Before They Happen. Houghton Mifflin Harcourt. ISBN 978-0358022336 (Hardcover). Foreword by Clayton Christensen.
- McGrath, Rita Gunther (2013). The End of Competitive Advantage: How to Keep Your Strategy Moving as Fast as Your Business. Harvard Business Review Press. ISBN 978-1422185820.
- McGrath, Rita Gunther; MacMillan, Ian (1995). «Discovery-Driven Planning.» Harvard Business Review, Juli 1995.
- Offizielle Buchseite: https://www.ritamcgrath.com/books/seeing-around-corners/
- Wikipedia (Autorin): https://en.wikipedia.org/wiki/Rita_Gunther_McGrath