Titel & Einordnung

“Punished by Rewards: The Trouble with Gold Stars, Incentive Plans, A’s, Praise, and Other Bribes” erschien 1993 bei Houghton Mifflin, in erweiterter Form 1999. Alfie Kohn ist ein amerikanischer Autor und Vortragsredner, der sich seit Jahrzehnten mit den Themen Motivation, Erziehung und Organisationsführung beschäftigt. Das Buch ist die gründlichste und einflussreichste wissenschaftsbasierte Kritik der “Belohnungs-Pädagogik” — also der Idee, dass Verhalten wirksam über extrinsische Anreize gesteuert werden kann. Kohns Befunde sind nicht populär: Sie stehen im Widerspruch zu fast allen gängigen Anreiz- und Bonus-Logiken in Unternehmen. [quelle: punished-by-rewards]

Der Inhalt

Die Kernthese — Belohnungen funktionieren, aber anders als gedacht: Kohns zentrale Aussage: Belohnungen mögen kurzfristig Verhalten erzeugen — sie zerstören aber langfristig die tieferen Quellen von Motivation. Wer für eine Tätigkeit belohnt wird, beginnt sie als Mittel zum Zweck zu sehen; die intrinsische Motivation, die er anfangs vielleicht hatte, schwindet. Das gilt für Kinder (“Gold-Stern”), Schüler (“Noten”), Mitarbeitende (“Bonus”) und Führungskräfte (“Beförderung”). [quelle: punished-by-rewards]

Die fünf zentralen Befunde:

  1. Belohnungen reduzieren intrinsische Motivation. Über 100 experimentelle Studien (Deci & Ryan et al.) zeigen: Wer für eine Tätigkeit bezahlt wird, die er ohnehin gerne tut, mag sie danach weniger. Die externe Belohnung verdrängt die innere.
  2. Belohnungen bestrafen Nicht-Konformität. Wer die Belohnung nicht erreicht, fühlt sich bestraft — auch wenn es keine formelle Sanktion gibt. Das schafft eine Spirale der Angst.
  3. Belohnungen ignorieren die Ursachen von Verhalten. Sie reagieren auf das Symptom (“Wer liefert, wird belohnt”), ohne die Frage zu stellen, warum jemand nicht liefert — und ohne die Bedingungen zu verbessern.
  4. Belohnungen fördern Konkurrenz und zerstören Kooperation. Wer in einer Bonus-Logik arbeitet, teilt Wissen ungern; wer ohne Belohnung arbeitet, kooperiert offener.
  5. Belohnungen machen süchtig. Wer einmal für eine Tätigkeit belohnt wurde, erwartet die Belohnung beim nächsten Mal — und empfindet die Tätigkeit ohne Belohnung als Verlust. [quelle: punished-by-rewards]

Wo Kohn sich irrt: Kohn ist in seiner Argumentation mitunter zu pauschal. Nicht jede Belohnung wirkt zerstörerisch — es kommt auf die Art, die Konsequenz und die implizite Botschaft an. Eine Anerkennung (“gut gemacht”) ist etwas anderes als ein Bonus von 50’000 CHF. Kohn selbst unterscheidet zwischen “Rewards as engineering” (Verhaltenssteuerung) und “Rewards as feedback” (Anerkennung), und nur die erste Form kritisiert er scharf.

Kohns Botschaft für Organisationen: Statt auf Anreize zu setzen, sollten Führungskräfte die Bedingungen schaffen, unter denen Menschen gerne arbeiten: Sinn, Autonomie, Gemeinschaft, Wachstum. Das ist nicht “weicher” als Bonus-Logik — es ist empirisch wirksamer.

Die leadnow-Brille

Was Kohn richtig sieht: Die Bonus-Logik ist in vielen Schweizer KMU zur Selbstverständlichkeit geworden — und ihre Nebenwirkungen (Verdrängung intrinsischer Motivation, Misstrauen, Konkurrenz) werden selten systematisch geprüft. Die Grenze seiner Argumentation liegt dort, wo er jede Form von Belohnung verteufelt — das hilft im KMU-Alltag wenig. leadnow ergänzt Kohns Befund um den energiekreislauf-der-fuehrung: Bonus-Logik bindet Energie im System — Energie, die für die eigentliche Arbeit fehlt. Und das Selbstwirksamkeitsmodell zeigt, dass Belohnungen genau die Erfahrung von Wirksamkeit untergraben, die intrinsische Motivation erzeugt. Kohns empirische Substanz ist dichter als sein Ton vermuten lässt — die über 100 Studien, auf die er sich stützt, sind in der Folge durch Deci & Ryan (1999) und Meta-Analysen zur Selbstbestimmungstheorie bestätigt worden, was die Grundaussage von Crowding-out auch nach 30 Jahren trägt.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass die Leistung, die Sie mit Ihrem Bonussystem “erkaufen”, genau die Leistung ist, die ohne dieses System von selbst käme — und Sie mit dem Bonus nur eine Energie entziehen, die anderswo fehlt?

Der nächste Schritt

Kohns Buch lädt Sie ein, die Annahmen Ihrer Anreiz-Logik zu prüfen. Der Leadnow Radar misst, wie viel intrinsische Motivation in Ihrem Team noch vorhanden ist — und wo das Bonussystem sie untergräbt.

Zum Radar →

Verwandte Einträge

Offene Fragen

  • Welche Formen von “Belohnung” wirken in Schweizer KMU nachweislich motivationsfördernd — und welche nicht?
  • Wie lässt sich die Verteilungsfrage (Bonus an wen? nach welchen Kriterien?) lösen, ohne in die Misstrauens-Spirale zu geraten?
  • Inwiefern ist Kohns Argument auf Schweizer Lohnmodelle (13. Monatslohn, Erfolgsbeteiligung) übertragbar?

Quellen

  • Kohn, Alfie (1993/1999). Punished by Rewards: The Trouble with Gold Stars, Incentive Plans, A’s, Praise, and Other Bribes. Boston: Houghton Mifflin.
  • Deci, Edward L.; Koestner, Richard; Ryan, Richard M. (1999). “A meta-analytic review of experiments examining the effects of extrinsic rewards on intrinsic motivation”. Psychological Bulletin, 125(6), 627–668. doi:10.1037/0033-2909.125.6.627.
  • Kohn, Alfie: https://www.alfiekohn.org/ (zuletzt abgerufen 8. Juli 2026)