Titel & Einordnung
Ruth Seliger, deutschsprachige Management- und Organisationsberaterin, veröffentlicht Positive Leadership. Die Revolution in der Führung im Schäffer-Poeschel Verlag (Stuttgart): Erstausgabe 2014 (ISBN 978-3-7910-3267-2), überarbeitete Neuauflage 2020 (ISBN 978-3-7910-5052-2); eine englische Ausgabe erschien 2017 unter dem Titel Positive Leadership: The Management Revolution und 2022 als The Management Revolution (Übersetzung A.C.T. Fachübersetzungen GmbH, ISBN 978-3-7910-5494-0). Das Buch sitzt an der Schnittstelle von Positiver Psychologie (Martin Seligman, Mihaly Csikszentmihalyi) und deutschsprachiger Führungslehre und ist — anders als Seligers früheres Das Dschungelbuch der Führung — explizit als Praxis-Handbuch für die Umsetzung positiver Führung im Unternehmensalltag konzipiert. [quelle: positive-leadership-seliger]
Der Inhalt
Die theoretische Heimat. Seliger baut auf dem PERMA-Modell von Martin Seligman auf (Positive Emotion, Engagement, Relationships, Meaning, Accomplishment) und ergänzt es um die Führungsperspektive: Was muss eine Führungskraft tun, damit die fünf PERMA-Dimensionen im Team wirksam werden können? Das ist die zentrale Verschiebung gegenüber der ursprünglichen Wohlbefindens-Forschung — Seliger fragt nicht, wie Menschen aufblühen, sondern wie Führung dieses Aufblühen ermöglicht oder verhindert. [quelle: positive-leadership-seliger]
Die fünf Felder positiver Führung. Seliger strukturiert das Buch entlang der fünf PERMA-Säulen und übersetzt sie in konkrete Führungshandlungen:
Positive Emotionen kultivieren: Anerkennung, Wertschätzung, eine Grundhaltung des «Was läuft gut?» — ohne in die Harmoniefalle zu kippen. Seliger nennt das die «positive Fehlerkultur», in der Fehler als Lernchance und nicht als Schuldfrage verhandelt werden.
Engagement fördern: Aufgaben so zuschneiden, dass sie den Stärken und der intrinsischen Motivation der Mitarbeitenden entsprechen — mit Verweis auf das Job-Crafting-Konzept von Amy Wrzesniewski und Jane Dutton.
Beziehungen stärken: Vertrauen, psychologische Sicherheit und Konflikt-Kompetenz als Führungsaufgabe. Seliger zitiert an dieser Stelle die psychologische Sicherheitsforschung von Amy Edmondson und macht sie für die deutschsprachige KMU-Praxis anschlussfähig.
Sinn stiften: Die Verbindung der täglichen Arbeit mit einem grösseren Purpose — nicht als Marketing-Geste, sondern als Übersetzungsarbeit: Was bedeutet unser Geschäftszweck für die Arbeit der Servicetechnikerin, der Sachbearbeiterin, des Montage-Leiters?
Leistung ermöglichen: Accomplishment nicht als Druck, sondern als Erfahrung wirksamer Beiträge. Seliger argumentiert hier gegen reine Ergebnis-KPIs und für prozessorientierte Leistungs-Rückmeldung. [quelle: positive-leadership-seliger]
Die Brücke in die KMU-Praxis. Der zweite Teil des Buches enthält Übungen, Reflexionsfragen und Fallbeispiele aus deutschsprachigen KMU. Seliger legt Wert auf die Übersetzung der englischsprachigen Positive-Psychology-Forschung in eine Sprache, die in mittelständischen Betrieben funktioniert — weg von der Coaching-Sprache, hin zu konkretem Führungsverhalten im Alltag. [quelle: positive-leadership-seliger]
Rezeption. Das Buch wird in der deutschsprachigen HR- und Coaching-Literatur als eines der wenigen Werke rezipiert, das Positive Leadership nicht als Modewort behandelt, sondern mit Seligmans Forschungslage verbindet. Schäffer-Poeschel positioniert es zwischen Handbuch und Sachbuch — zugänglich für Praktiker:innen, ohne akademische Fundierung zu verlieren. [quelle: positive-leadership-seliger]
Was das Buch nicht leistet. Seliger arbeitet stark mit dem PERMA-Modell, das — bei aller Brauchbarkeit — ein Wohlbefindens-Modell ist und keine Wirksamkeits-Theorie enthält. Die Frage, wie ein Team, das in allen fünf PERMA-Dimensionen punktet, dennoch an mangelnder Strategie oder fehlender Marktorientierung scheitern kann, wird nicht systematisch beantwortet. Auch die Spannung zwischen «positiv führen» und «schwierige Entscheidungen treffen» bleibt bei Seliger unterbelichtet. [quelle: positive-leadership-seliger]
Die leadnow-Brille
Seliger liefert, was viele Leadership-Bücher versprechen und selten halten: eine theoretisch fundierte, sprachlich zugängliche und auf KMU übersetzbare Heuristik für gute Führung. Was sie richtig sieht: Wirksame Führung ist nicht in erster Linie eine Technik-Frage, sondern eine Haltungsfrage — und Haltung lässt sich operationalisieren, ohne in Pseudo-Messbarkeit zu kippen. leadnow ergänzt Seligers PERMA-Brille um das selbstwirksamkeitsmodell: Eine Führungskraft, die alle fünf PERMA-Dimensionen pflegt, aber nicht weiss, ob sie selbst wirksam ist, bleibt im «bemüht»-Modus — und genau dort beginnt die eigentliche Reibung. Und der energiekreislauf-der-fuehrung macht die zweite Brille möglich: Welche der fünf PERMA-Säulen speist das Team energetisch, welche zehrt — und welche ist im konkreten KMU überhaupt erreichbar? Die Grenze des Buches liegt dort, wo Positive Leadership als dauerhafter Hochstimmungs-Auftrag missverstanden wird. Führung bleibt auch dann anstrengend, wenn sie «positiv» ist — und genau diese Spannung sollte Seliger stärker aushalten.
Die Spiegelfrage
Könnte es sein, dass Sie in den letzten Jahren viel über die Stärken Ihrer Mitarbeitenden gesprochen, aber wenig über deren Beitrag zur Wirksamkeit des Ganzen geredet haben — und dass die fünf PERMA-Dimensionen für Sie attraktiv klingen, weil sie die unangenehme Frage «Was trägt jeder Einzelne zum Ergebnis bei?» elegant umschiffen?
Der nächste Schritt
Führen Sie ein PERMA-Briefgespräch mit drei Mitarbeitenden: Bitten Sie jede Person, für jede der fünf Säulen einen konkreten Moment der letzten vier Wochen zu nennen, in dem sie stark oder schwach war. Verdichten Sie die drei Briefe zu einer Mustererkennung: Welche der fünf Säulen ist in Ihrem Team kollektiv schwach — und welche Führungshandlung Ihrer Seite hat das verursacht oder zugelassen? Mehr zum Thema Positive Leadership und Wirksamkeit auf dem Radar unter Kultur.
Verwandte Einträge
- selbstwirksamkeitsmodell — die Selbstwirksamkeits-Achse, ohne die Positive Leadership in «Wellness ohne Wirksamkeit» kippt.
- energiekreislauf-der-fuehrung — jede PERMA-Säule speist oder zehrt Energie; das Buch operationalisiert das, ohne es so zu nennen.
- perma-modell-seligman — das theoretische Fundament, auf dem Seliger aufbaut.
- amy-edmondson — psychologische Sicherheit als Voraussetzung für PERMA im Team.
- dschungelbuch-der-fuehrung — Seligers eigenes Archetypen-Buch; zeigt eine andere, literarischere Zugangsweise zur gleichen Autorin.
- warum-chefs-so-nett-sind — Jeneweins populäre Aufbereitung desselben Befundes aus HSG-Perspektive.
- high-performance-teams-jenewein — die fünf-Prinzipien-Schwester, die das Positive Leadership ergänzt.
Offene Fragen
- 2026-07-08: Wie verträgt sich Positive Leadership mit Führungsrollen, in denen regelmässig unangenehme Entscheidungen getroffen werden müssen (Restrukturierung, Trennung, Verlust von Lieblingsprojekten)? Seliger behandelt diese Spannung am Rand.
- 2026-07-08: Das Buch baut auf einer US-zentrierten Positive-Psychology-Tradition auf. Wie weit überträgt sich das PERMA-Modell auf eine Schweizer Führungskultur mit höherer Sachorientierung und niedrigerer Affekt-Sprache?
- 2026-07-08: Welche der fünf PERMA-Säulen sind in produzierenden oder handwerklichen KMU überhaupt anschlussfähig — und welche brauchen eine Übersetzung in die jeweilige Berufssprache?
Quellen
- Seliger, Ruth (2020). Positive Leadership. Die Revolution in der Führung. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. ISBN 978-3-7910-5052-2. (Erstausgabe 2014, ISBN 978-3-7910-3267-2.)
- Seliger, Ruth (2022). Positive Leadership. The Management Revolution. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. ISBN 978-3-7910-5494-0. (Englische Ausgabe, Übersetzung A.C.T. Fachübersetzungen GmbH.)
- Deutsche Nationalbibliothek, GND-Eintrag zu Seliger: https://services.dnb.de/sru/dnb?version=1.1&operation=searchRetrieve&query=WOE%3DSeliger%20and%20TIT%3D%22Positive%20Leadership%22
- Schäffer-Poeschel Verlag: https://www.schaeffer-poeschel.de
- Seligman, Martin E. P. (2011). Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-Being. New York: Free Press. (PERMA-Ursprung.)