Titel & Einordnung

Viktor Frankl (1905–1997) war österreichischer Neurologe, Psychiater und Gründer der Logotherapie — der «dritten Wiener Schule» der Psychotherapie neben Freud und Adler. Sein bekanntestes Werk, «… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager» (1946 in Wien, 1959 in den USA als Man’s Search for Meaning), gehört laut einer Umfrage von Library of Congress und Book-of-the-Month-Club von 1991 zu den zehn einflussreichsten Büchern der USA; bis zu Frankls Tod 1997 wurden rund zehn Millionen Exemplare verkauft, bis 2022 etwa 16 Millionen in 52 Sprachen. Für die Führung in KMU ist Frankl die präziseste Quelle zum Thema «Sinn als Überlebenskraft».

Der Inhalt

Teil I des Buches ist Frankls Bericht über seine dreijährige Gefangenschaft in vier Konzentrationslagern (Auschwitz, Türkheim, Kaufering, Dachau). Er beschreibt drei aufeinanderfolgende psychologische Reaktionen der Häftlinge: Schock bei der Ankunft, Apathie als Anpassung und — bei Überlebenden — eine tiefgreifende Depersonalisation nach der Befreiung. Teil II führt die Logotherapie ein: Frankls These, dass der «Willen zum Sinn» («will to meaning») ein grundlegender Antrieb des Menschen ist und dass Sinn in jedem Augenblick gefunden werden kann — auch im Leiden. [quelle: frankl-mans-search-for-meaning]

Die drei Wege zum Sinn

Frankl unterscheidet drei Möglichkeiten, im Leben Sinn zu finden: durch eine Tat oder ein Werk (etwas schaffen oder vollenden), durch ein Erlebnis (Liebe, Schönheit, Wahrheit erfahren) und — falls beides versagt bleibt — durch die Haltung, mit der man unausweichlichem Leiden begegnet. Diese dritte Möglichkeit ist diejenige, die im Lager für Häftlinge relevant wurde. [quelle: frankl-mans-search-for-meaning]

Sinn als Überlebensfaktor

Frankl beobachtete, dass Häftlinge, die einen Grund zum Weiterleben fanden — eine vorgestellte Begegnung mit einem geliebten Menschen, ein unfertiges Manuskript, ein offenes Versprechen — bessere Überlebenschancen hatten als jene, die ihren letzten Sinn verloren hatten. Daraus entwickelte er später die empirisch gestützte These, dass das Erleben von Sinn («meaning in life») mit psychischer Gesundheit, physischer Widerstandskraft und Lebenserwartung korreliert. [quelle: frankl-mans-search-for-meaning]

Die Statue of Responsibility

In einer späteren Auflage schlug Frankl vor, die Freiheitsstatue an der US-Ostküste durch eine Statue of Responsibility an der Westküste zu ergänzen. Im Originalton: «Freedom is not the last word. Freedom is only part of the story and half of the truth. Freedom is in danger of degenerating into mere arbitrariness unless it is lived in terms of responsibleness.» Verantwortung ist die positive Hälfte der Freiheit. [quelle: frankl-mans-search-for-meaning]

Die Grenze: Sinn ist kein Allheilmittel

Frankl wurde vorgeworfen, dass die Betonung der Sinnhaltung die Opfer pathologisiere — wer starb, hatte dann offenbar zu wenig Sinn. Der Holocaust-Forscher Lawrence L. Langer hat darauf hingewiesen, dass Frankls Perspektive wesentliche Teile der Lagerrealität ausblendet. Für eine leadnow-Lektüre bedeutet das: Frankl als Denkwerkzeug für die Frage «Was trägt?» ja — als erschöpfende Erklärung extremer Situationen nein.

Die leadnow-Brille

Die Logotherapie passt zu einer Führungslage, die im Wiki an vielen Stellen wiederkehrt: Menschen, die unter Druck nicht mehr «funktionieren», brauchen nicht zuerst mehr Tools, sondern einen Grund, morgens aufzustehen. Das selbstwirksamkeitsmodell braucht ein Spielfeld, auf dem Wirksamkeit überhaupt entstehen kann; Frankl nennt dieses Spielfeld «Sinn». Ohne ihn kippt jede Achse von «Bemüht» zu «Resigniert» — selbst die beste Methode. Was die Brille im Führungsalltag trotzdem offenlässt: Sinn ist keine Methode, die sich verordnen lässt, und wer «Purpose» zur Pflichtübung macht, erzeugt das Gegenteil. Frankl bleibt darum als Prüfstein («Wofür stehst du eigentlich auf?») nützlich, nicht aber als Rezept.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass in Ihrem Team nicht die Methoden fehlen, sondern der Grund — und dass die seit Monaten beobachtete «Demotivation» weniger ein Leistungs- als ein Sinnthema ist?

Der nächste Schritt

Der Leadnow Radar prüft unter «Spine», ob Ihre Organisation einen tragfähigen Sinn-Anker hat — oder ob die Mitarbeitenden trotz laufender Methodik im «Bemühten» verharren, weil ihnen der Grund fehlt.

Zum Radar →

Verwandte Einträge

Offene Fragen

  • Lässt sich Sinn in Organisationen bewusst «bauen», oder muss er gefunden werden — und woran merkt man den Unterschied?
  • Wie verhindert man, dass «Purpose-Übungen» zur Pflicht-Folklore werden, in der das Wort zerrieben wird?
  • Wo verläuft die Grenze zwischen sinnvoller Sinnsuche und einem Sinn-Imperativ, der unter Druck zynisch wirkt?

Quellen

  • Frankl, Viktor E. (1946). … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Wien: Verlag für Jugend und Volk.
  • Frankl, Viktor E. (1959/2006). Man’s Search for Meaning: An Introduction to Logotherapy. Boston: Beacon Press. ISBN 978-0807014264.
  • Library of Congress / Book-of-the-Month-Club-Umfrage (1991): Man’s Search for Meaning eines der «zehn einflussreichsten Bücher der USA» (New York Times, 20. November 1991).
  • Viktor Frankl Institute Vienna — biographische Quellen und Werkverzeichnis: https://www.viktorfrankl.org/e/lifeandwork.html
  • Hintergrund zur Rezeption und zur kritischen Diskussion: https://en.wikipedia.org/wiki/Man%27s_Search_for_Meaning