Titel & Einordnung

Warum Realität individuell ist — aus dem Leadnow-Wissensarchiv (Psychologie der Führung / Wahrnehmung - Interpretation).

Der Inhalt

Wenn mich jemand ärgert, oder etwas freut, dann ist das ein Denkfehler!

Ich ärgere mich.

Ich freue mich.

Der _  Jemand_ und das _Etwas  _sind natürlich relevant für meine Emotion. Aber zwischen dem vermeintlichen Auslöser und der Emotion passiert etwas Matchentscheidendes: Interpretation

Auslöser — > Interpretation —> Emotion

Die Interpretation passiert schnell, kraftvoll - oft unbewusst: Ein “falscher” Blick des vis-à-vis und schon schiesst das Adrenalin ins Blut: Auslöser —> Reaktion. Die Interpretation passiert in Millisekunden. So schnell, dass wir uns oft auf unser Bauchgefühl verlassen. Entscheidungen der Führungskraft basieren also oft auf intuitiven Interpretationen.

Hand aufs Herz, wie oft nerven Sie Ihre Mitarbeitenden? Wie oft lassen Sie sich von Emotionen leiten?  Es ist menschlich und ok, ja sogar wichtig, das zu tun. (Führungskräfte sind ja auch nur Menschen). Wie oft jedoch reflektieren Sie Ihr Verhalten systematisch? Hab ich angemessen reagiert? Wieso ärgert mich das so? Was wären wirksamere Reaktionen? **Es ist professionell und wichtig, das zu tun.  **  

Regelmässiges Reflektieren schärft die Intuition. Und wirksame Führungskräfte brauchen eine geschliffene Intuition. 

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Quelle

Schmidt, Gunther (2021). Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten.

Die leadnow-Brille

Die konstruktivistische Pointe «Wenn mich jemand ärgert, ist das ein Denkfehler» ist eine der unbequemsten und wirksamsten Führungs-Brillen: Sie verschiebt die Verantwortung für die Emotion vom Auslöser zur Interpretation — und genau diese Verschiebung ist der erste Schritt zur professionellen Reaktion. Was die Erkenntnis im Führungsalltag trotzdem offenlässt: Sie sagt, dass die Interpretation in Millisekunden passiert, aber sie zeigt wenig Wege, wie eine Führungskraft in der konkreten Situation die Reflexion tatsächlich einschiebt — und genau diese Reflexions-Pause ist die seltene Disziplin. leadnow ergänzt: Im selbstwirksamkeitsmodell ist die Unterscheidung Auslöser/Interpretation die Voraussetzung für Wirksamkeit in Konflikten; die expertenfalle tarnt das schnelle Reagieren als Sachlichkeit, und die kuschelfalle tarnt das Reflektieren als Zögern; die Schmidt-Brille erlaubt beides: schnell reagieren UND reflektieren — aber nicht gleichzeitig.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass Sie in einer Situation der letzten Woche auf eine Interpretation «reagiert» haben, die mehr über Ihr eigenes Muster aussagt als über das Verhalten des Gegenübers — und dass die ehrliche Frage «Was war meine Interpretation?» der erste Schritt zur professionellen Reaktion wäre?

Der nächste Schritt

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Diese Woche ausprobieren

Dieser Eintrag («Warum Realität individuell ist») beschreibt ein Muster. Bevor Sie etwas verändern, lohnt sich die Beobachtungsphase — drei kleine Schritte:

  1. Beobachten, bevor Sie handeln. Notieren Sie eine Woche lang jede Situation, in der das beschriebene Muster bei Ihnen oder im Team auftritt. Keine Bewertung, nur Erfassen.
  2. Eine Mikro-Konsequenz ziehen. Wählen Sie die kleinste wiederkehrende Situation und ändern Sie dort genau Ihren nächsten Schritt — minimal, reversibel, beobachtbar.
  3. Einen Sparringspartner fragen. Erzählen Sie jemandem Ihres Vertrauens eine konkrete Episode aus dieser Woche. Fragen Sie nicht um Rat — fragen Sie: «Was siehst du, was ich nicht sehe?»

Nach einer Woche: ist das Muster noch da, aber jetzt sichtbar? Dann lohnt sich der Leadnow-Radar-Schritt. Ist es nicht mehr aufgetaucht? Dann war es eine Phase, kein Muster — und Sie wissen jetzt, wie Sie es beim nächsten Mal erkennen.

Wann das Wiki nicht reicht

Dieser Eintrag ist eine Diagnose, keine Therapie. Er ist hilfreich, wenn Sie einen Mechanismus erkennen und ein erstes Vokabular dafür haben. Er ist nicht ausreichend, wenn:

  • Akute Krise. Wenn etwas brennt (Mitarbeiter kündigt, Kunde springt ab, Cashflow eng), brauchen Sie kurzfristige Entscheidungshilfe, nicht einen Wiki-Eintrag. Holen Sie sich jemanden an den Tisch, der mit Ihnen in 48 Stunden sortiert — Paten, Beirat, Bank, Coach.
  • Strukturelle Blockaden. Wenn ein Mechanismus seit Jahren besteht und niemand ihn brechen kann, liegt das an Kräften, die ein einzelner Eintrag nicht erreicht: fehlende Eigentümerschaft, dysfunktionale Aufsicht, persönliche Risiken für einzelne Schlüsselpersonen. Das ist Beratung, nicht Information.
  • Eigene Betroffenheit. Wenn Sie gerade mitten in einer Krise stecken, lesen Sie das hier falsch — Sie projizieren Ihre Geschichte in das Muster. Warten Sie drei Tage, lesen Sie dann nochmal.
  • Kulturelle Differenzen. Wenn Ihr Unternehmen in einem anderen rechtlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Kontext arbeitet als hier angenommen (Schweizer KMU), gilt vieles, aber nicht alles. Vergleichen Sie die Annahmen, bevor Sie die Schlüsse übernehmen.

In allen vier Fällen: das Wiki hilft Ihnen, das Muster zu sehen. Es ersetzt nicht die Arbeit, es zu bewegen. Wenn Sie bereit sind zu handeln, aber nicht wissen wo — schreiben Sie uns über den Kontakt am Ende des Eintrags.