Titel & Einordnung

Expertenfalle — aus dem Leadnow-Wissensarchiv (Phänomene des Führungsalltags / Symptome).

Der Inhalt

Du hast mir im letzten MAG versprochen mit mir meine Weiterbildungsoptionen anzuschauen. Das ist nun beinahe ein Jahr her.

Die Expertenfalle lasst sich oft an einer mit operativen Tätigkeiten überforderten Führungskraft erkennen. Die vorgesetzte Person hat nie Zeit. Entscheidungen stapeln sich auf ihrem Schreibtisch. Das Team beklagt sich über zu wenig Entscheidungsspielraum und zu lange Antwortzeiten. Ausserdem konzentriert sich die Führungskraft auf die inhaltliche Führung und vernachlässigt Führungsthemen wie die Karriereplanung der Mitarbeiter, deren Wertschätzung oder das Teamkonfliktmanagement.

 

Hintergrund

Die cleverste Person aus dem Team wurde zum Chef befördert. Sie führt über das, was sie besonders gut kann: Über ihr Fachwissen. Doch Führen ist weit mehr als «Management by Expertise». Oft kommt bei Experten-Führungskräften die Mensch-Orientierung zu kurz da dies Neuland ist und deren Souveränität gefährden könnte. 

 

Gegenmittel

Muten Sie Ihren Mitarbeitenden Unsicherheit zu. Delegieren Sie! Die Aufgaben sollten so geschnitten sein wie Kinderschuhe: Ein bisschen zu gross, damit man reinwachsen kann. Das braucht Mut. Muten Sie auch sich selber Unsicherheit zu - auch im Bezug auf allfällig zu kurz gekommene mensch-orientierte Führungsaufgaben wie Teambuilding Aktivitäten, 1:1 Gespräche etc.

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Quelle:

Lippmann, Eric. (2018). Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte: Führungskompetenz und Führungswissen.

Die leadnow-Brille

Die Expertenfalle ist die intellektuellste Falle, weil sie sich als Tugend tarnt: Wer Experte ist, soll führen — das klingt logisch und ist trotzdem die häufigste Ursache dafür, dass exzellente Fachkräfte an der Führungsaufgabe scheitern. Was der Eintrag im Führungsalltag trotzdem offenlässt: Er benennt das Muster, aber er sagt wenig darüber, wie ein Experte ohne Gesichtsverlust aus der Falle kommt — denn «weniger Expertise zeigen» fühlt sich für den Experten wie Kapitulation an. leadnow ergänzt: Im selbstwirksamkeitsmodell ist die Expertenfalle der Versuch, die eigene Wirksamkeit an die eigene Sachkompetenz zu koppeln; die kuschelfalle ist die Variante, in der der Experte allen alles recht macht, statt zu führen; die distanzfalle zeigt sich, wenn der Experte sich in die Sache zurückzieht.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass Sie in einem Gespräch der letzten Woche eine inhaltliche Entscheidung getroffen haben, die ein Mitarbeitender hätte treffen können — und dass Sie sich hinterher nicht sicher waren, ob Sie es aus Sachverstand oder aus Gewohnheit gemacht haben?

Der nächste Schritt

Erkennen Sie dieses Muster bei sich? Der Leadnow Radar zeigt Ihnen in fünf Minuten, wie ausgeprägt es in Ihrer Organisation ist — anonym und kostenlos.

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Diese Woche ausprobieren

Dieser Eintrag («Expertenfalle») beschreibt ein Muster. Bevor Sie etwas verändern, lohnt sich die Beobachtungsphase — drei kleine Schritte:

  1. Beobachten, bevor Sie handeln. Notieren Sie eine Woche lang jede Situation, in der das beschriebene Muster bei Ihnen oder im Team auftritt. Keine Bewertung, nur Erfassen.
  2. Eine Mikro-Konsequenz ziehen. Wählen Sie die kleinste wiederkehrende Situation und ändern Sie dort genau Ihren nächsten Schritt — minimal, reversibel, beobachtbar.
  3. Einen Sparringspartner fragen. Erzählen Sie jemandem Ihres Vertrauens eine konkrete Episode aus dieser Woche. Fragen Sie nicht um Rat — fragen Sie: «Was siehst du, was ich nicht sehe?»

Nach einer Woche: ist das Muster noch da, aber jetzt sichtbar? Dann lohnt sich der Leadnow-Radar-Schritt. Ist es nicht mehr aufgetaucht? Dann war es eine Phase, kein Muster — und Sie wissen jetzt, wie Sie es beim nächsten Mal erkennen.

Wann das Wiki nicht reicht

Dieser Eintrag ist eine Diagnose, keine Therapie. Er ist hilfreich, wenn Sie einen Mechanismus erkennen und ein erstes Vokabular dafür haben. Er ist nicht ausreichend, wenn:

  • Akute Krise. Wenn etwas brennt (Mitarbeiter kündigt, Kunde springt ab, Cashflow eng), brauchen Sie kurzfristige Entscheidungshilfe, nicht einen Wiki-Eintrag. Holen Sie sich jemanden an den Tisch, der mit Ihnen in 48 Stunden sortiert — Paten, Beirat, Bank, Coach.
  • Strukturelle Blockaden. Wenn ein Mechanismus seit Jahren besteht und niemand ihn brechen kann, liegt das an Kräften, die ein einzelner Eintrag nicht erreicht: fehlende Eigentümerschaft, dysfunktionale Aufsicht, persönliche Risiken für einzelne Schlüsselpersonen. Das ist Beratung, nicht Information.
  • Eigene Betroffenheit. Wenn Sie gerade mitten in einer Krise stecken, lesen Sie das hier falsch — Sie projizieren Ihre Geschichte in das Muster. Warten Sie drei Tage, lesen Sie dann nochmal.
  • Kulturelle Differenzen. Wenn Ihr Unternehmen in einem anderen rechtlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Kontext arbeitet als hier angenommen (Schweizer KMU), gilt vieles, aber nicht alles. Vergleichen Sie die Annahmen, bevor Sie die Schlüsse übernehmen.

In allen vier Fällen: das Wiki hilft Ihnen, das Muster zu sehen. Es ersetzt nicht die Arbeit, es zu bewegen. Wenn Sie bereit sind zu handeln, aber nicht wissen wo — schreiben Sie uns über den Kontakt am Ende des Eintrags.