Titel & Einordnung
Tanzen mit Unsicherheit — aus dem Leadnow-Wissensarchiv (Psychologie der Führung / Umgang mit Unsicherheit).
Der Inhalt
Unsicherheit ist eine der wichtigsten Emotionen im Leben überhaupt. Viele Menschen haben eine Hassliebe zur Unsicherheit. Die Beziehung, welche Menschen zu ihrer Unsicherheit pflegen, ist enorm prägend für das Leben.
Viele suchen einerseits die totale Sicherheit (Versicherungen, Regeln, Verträge). Andererseits organisiert man sich Abenteuerurlaub, um auch mal etwas zu erleben. Dass eine intensive Beschäftigung mit der Unsicherheit lebenswichtig ist, hat bereits Kierkegaard erkannt: Für ihn ist der Preis für Freiheit, seiner Angst in die Augen zu schauen.
Wir sollten lernen, in unserem Leben mit der Unsicherheit zu tanzen. Sie ist ein wichtiger Indikator. Wir sollten die Unsicherheit berücksichtigen, in die Gesamtbetrachtung mit einbauen, und dann handeln - und uns nicht von der Unsicherheit steuern lassen. So wie es eine befreundete Führungskraft ausdrückt: “Ich hatte eine tierische Angst vor diesem Gespräch. Dann bin ich hin und habs gemacht. Man bin ich froh.”
Verwandte Themen:
- Etwas vom Wichtigsten beim Führen ist, Halt und Orientierung zu geben. Dies hat jedoch viele Fallen. Es geht nicht darum, so viel Sicherheit wie möglich zu geben. Viele traditionelle Führungskräfte leben noch in diesem Missverständnis. Ziel ist, den Mitarbeitenden in die Lernzone zu schicken (LN Navigator).
- Lieblingsstilfalle
- Warum das Gegenteil von Kontrolle nicht Vertrauen ist
Quelle
Kierkegaard, Sören (1984). Der Begriff Angst.
Die leadnow-Brille
Die Tanz-Metapher und der Kierkegaard-Verweis («der Preis für Freiheit ist, seiner Angst in die Augen zu schauen») sind eine der reifesten Führungs-Pointen zur Unsicherheit: Sie verschieben das Bild von «Unsicherheit vermeiden» zu «Unsicherheit als Begleiterin annehmen» — und genau diese Verschiebung ist der Schlüssel zu resilienter Führung. Was der Eintrag im Führungsalltag trotzdem offenlässt: Er benennt die Haltung, aber er zeigt wenig Wege, wie eine Führungskraft mit konkreten Unsicherheits-Auslösern (Kündigung, Strategie-Wechsel, persönliche Krise) tatsächlich tanzt statt erstarrt — und genau diese Tanz-Disziplin ist die schwierigste. leadnow ergänzt: Im selbstwirksamkeitsmodell ist die Fähigkeit, mit Unsicherheit zu tanzen, die Voraussetzung für Wirksamkeit in komplexen Situationen; die kuschelfalle tarnt das Vermeiden von Unsicherheit als Schutz des Teams, und die expertenfalle tarnt das schnelle Entscheiden als Sachlichkeit.
Die Spiegelfrage
Könnte es sein, dass Sie in einer aktuellen Unsicherheits-Situation erstarrt sind — also weder entscheiden noch handeln konnten — und dass die ehrliche Frage «Was sagt meine Angst mir eigentlich?» der erste Schritt zum Tanz wäre?
Der nächste Schritt
Erkennen Sie dieses Muster bei sich? Der Leadnow Radar zeigt Ihnen in fünf Minuten, wie ausgeprägt es in Ihrer Organisation ist — anonym und kostenlos.
Verwandte Einträge
Diese Woche ausprobieren
Dieser Eintrag («Tanzen mit Unsicherheit») beschreibt ein Muster. Bevor Sie etwas verändern, lohnt sich die Beobachtungsphase — drei kleine Schritte:
- Beobachten, bevor Sie handeln. Notieren Sie eine Woche lang jede Situation, in der das beschriebene Muster bei Ihnen oder im Team auftritt. Keine Bewertung, nur Erfassen.
- Eine Mikro-Konsequenz ziehen. Wählen Sie die kleinste wiederkehrende Situation und ändern Sie dort genau Ihren nächsten Schritt — minimal, reversibel, beobachtbar.
- Einen Sparringspartner fragen. Erzählen Sie jemandem Ihres Vertrauens eine konkrete Episode aus dieser Woche. Fragen Sie nicht um Rat — fragen Sie: «Was siehst du, was ich nicht sehe?»
Nach einer Woche: ist das Muster noch da, aber jetzt sichtbar? Dann lohnt sich der Leadnow-Radar-Schritt. Ist es nicht mehr aufgetaucht? Dann war es eine Phase, kein Muster — und Sie wissen jetzt, wie Sie es beim nächsten Mal erkennen.
Wann das Wiki nicht reicht
Dieser Eintrag ist eine Diagnose, keine Therapie. Er ist hilfreich, wenn Sie einen Mechanismus erkennen und ein erstes Vokabular dafür haben. Er ist nicht ausreichend, wenn:
- Akute Krise. Wenn etwas brennt (Mitarbeiter kündigt, Kunde springt ab, Cashflow eng), brauchen Sie kurzfristige Entscheidungshilfe, nicht einen Wiki-Eintrag. Holen Sie sich jemanden an den Tisch, der mit Ihnen in 48 Stunden sortiert — Paten, Beirat, Bank, Coach.
- Strukturelle Blockaden. Wenn ein Mechanismus seit Jahren besteht und niemand ihn brechen kann, liegt das an Kräften, die ein einzelner Eintrag nicht erreicht: fehlende Eigentümerschaft, dysfunktionale Aufsicht, persönliche Risiken für einzelne Schlüsselpersonen. Das ist Beratung, nicht Information.
- Eigene Betroffenheit. Wenn Sie gerade mitten in einer Krise stecken, lesen Sie das hier falsch — Sie projizieren Ihre Geschichte in das Muster. Warten Sie drei Tage, lesen Sie dann nochmal.
- Kulturelle Differenzen. Wenn Ihr Unternehmen in einem anderen rechtlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Kontext arbeitet als hier angenommen (Schweizer KMU), gilt vieles, aber nicht alles. Vergleichen Sie die Annahmen, bevor Sie die Schlüsse übernehmen.
In allen vier Fällen: das Wiki hilft Ihnen, das Muster zu sehen. Es ersetzt nicht die Arbeit, es zu bewegen. Wenn Sie bereit sind zu handeln, aber nicht wissen wo — schreiben Sie uns über den Kontakt am Ende des Eintrags.