Titel & Einordnung

Sündenbockfalle — aus dem Leadnow-Wissensarchiv (Phänomene des Führungsalltags / Symptome).

Der Inhalt

“Wieso soll genau ich den ersten Schritt machen, wenn dann doch nur alle den Finger auf mich zeigen?”

Die Sündenbockfalle ist die Hürde, die Unternehmen überwinden müssen, um Prozesse zu optimieren oder gar gänzlich neue Produkte entwickeln zu können; in kurz: Sie ist eine Innovationsblockade.

Wenn Mitarbeitende Angst haben Fehler zu machen, beschränken sie Ihren Einsatz auf Ihren Tätigkeitsbeschrieb: Dienst nach Vorschrift eben. Niemand will ein Risiko eingehen, auch wenn es einen Vorteil für die Unternehmung bedeuten könnte. Das Resultat: Es breitet sich eine innovationsfreie Zone aus.

Hintergrund:

Unter Führungskräften hält sich ein hartnäckiges Missverständnis: Fehler brauchen Schuldige. Diese Annahme ist sehr wirksam: Sie lenkt die Unsicherheit, welche bei Fehlern zwangsläufig entsteht, zielgerichtet auf den Sündenbock. Damit ist die Ordnung wieder hergestellt. Aber die Konsequenzen sind fatal: Alle schützen sich davor, zum Sündenbock zu werden und machen Dienst nach Vorschrift.

Gegenmittel:

Führungskräfte müssen es sich verdienen, dass die Mitarbeitenden mitdenken und ins Risiko gehen. Es ist wie im Garten: Will es nicht wachsen, passen die Rahmenbedingungen noch nicht. Hier fehlt vermutlich Psychologische Sicherheit. Was vermeintlich hilft, in der Realität aber kontraproduktiv ist, ist eine strikte lösungsorientierte Philosophie, die die Ursachen der Fehler bzw. Probleme ignorieren nur um der Sündenbockfalle zu entfliehen. Denn Innovation verlangt das vollumfängliche Verständnis des Problems was nur mit einer vielseitigen Beleuchtung der Ursache möglich wird. Es ist also an der Führungskraft den Problemen (und bestenfalls mit allen involvierten des Teams) auf den Grund zu gehen ohne die Schuld an die Mitarbeiter heranzutragen.

Das könnte Sie auch interessieren:

Quelle  

Lippmann, Eric (2018). Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte: Führungskompetenz und Führungswissen.

Die leadnow-Brille

Die Sündenbockfalle als «Innovationsblockade» zu benennen ist eine wirksame Brille: Sie verschiebt die Frage von «Wer war schuld?» zu «Warum traut sich niemand, ins Risiko zu gehen?» — und genau diese Verschiebung ist der erste Schritt zur Lösung. Was die Diagnose im Führungsalltag trotzdem offenlässt: Sie sagt, dass psychologische Sicherheit fehlt, aber sie zeigt wenig Wege, wie eine Führungskraft mitten in einem konkreten Schuld-Kontext die Wende einleitet — und genau diese Wende ist die schwierigste Disziplin. leadnow ergänzt: Im selbstwirksamkeitsmodell ist die Sündenbockfalle der Grund, warum Teams im «Bemüht»-Modus verharren; die Führungskraft, die den Sündenbock sucht, hält das System in der Scham; die kuschelfalle tarnt das fehlende Ansprechen als «die Person schonen», und die expertenfalle tarnt das schnelle Schuld-Zuweisen als Effizienz.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass Sie in einem konkreten Fehler der letzten Wochen instinktiv nach einem Sündenbock gesucht haben — und dass die ehrliche Frage «Was hat das System ermöglicht, dass dieser Fehler passieren konnte?» mehr Lern-Potenzial freigesetzt hätte als die Schuldzuweisung?

Der nächste Schritt

Erkennen Sie dieses Muster bei sich? Der Leadnow Radar zeigt Ihnen in fünf Minuten, wie ausgeprägt es in Ihrer Organisation ist — anonym und kostenlos.

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Diese Woche ausprobieren

Dieser Eintrag («Sündenbockfalle») beschreibt ein Muster. Bevor Sie etwas verändern, lohnt sich die Beobachtungsphase — drei kleine Schritte:

  1. Beobachten, bevor Sie handeln. Notieren Sie eine Woche lang jede Situation, in der das beschriebene Muster bei Ihnen oder im Team auftritt. Keine Bewertung, nur Erfassen.
  2. Eine Mikro-Konsequenz ziehen. Wählen Sie die kleinste wiederkehrende Situation und ändern Sie dort genau Ihren nächsten Schritt — minimal, reversibel, beobachtbar.
  3. Einen Sparringspartner fragen. Erzählen Sie jemandem Ihres Vertrauens eine konkrete Episode aus dieser Woche. Fragen Sie nicht um Rat — fragen Sie: «Was siehst du, was ich nicht sehe?»

Nach einer Woche: ist das Muster noch da, aber jetzt sichtbar? Dann lohnt sich der Leadnow-Radar-Schritt. Ist es nicht mehr aufgetaucht? Dann war es eine Phase, kein Muster — und Sie wissen jetzt, wie Sie es beim nächsten Mal erkennen.

Wann das Wiki nicht reicht

Dieser Eintrag ist eine Diagnose, keine Therapie. Er ist hilfreich, wenn Sie einen Mechanismus erkennen und ein erstes Vokabular dafür haben. Er ist nicht ausreichend, wenn:

  • Akute Krise. Wenn etwas brennt (Mitarbeiter kündigt, Kunde springt ab, Cashflow eng), brauchen Sie kurzfristige Entscheidungshilfe, nicht einen Wiki-Eintrag. Holen Sie sich jemanden an den Tisch, der mit Ihnen in 48 Stunden sortiert — Paten, Beirat, Bank, Coach.
  • Strukturelle Blockaden. Wenn ein Mechanismus seit Jahren besteht und niemand ihn brechen kann, liegt das an Kräften, die ein einzelner Eintrag nicht erreicht: fehlende Eigentümerschaft, dysfunktionale Aufsicht, persönliche Risiken für einzelne Schlüsselpersonen. Das ist Beratung, nicht Information.
  • Eigene Betroffenheit. Wenn Sie gerade mitten in einer Krise stecken, lesen Sie das hier falsch — Sie projizieren Ihre Geschichte in das Muster. Warten Sie drei Tage, lesen Sie dann nochmal.
  • Kulturelle Differenzen. Wenn Ihr Unternehmen in einem anderen rechtlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Kontext arbeitet als hier angenommen (Schweizer KMU), gilt vieles, aber nicht alles. Vergleichen Sie die Annahmen, bevor Sie die Schlüsse übernehmen.

In allen vier Fällen: das Wiki hilft Ihnen, das Muster zu sehen. Es ersetzt nicht die Arbeit, es zu bewegen. Wenn Sie bereit sind zu handeln, aber nicht wissen wo — schreiben Sie uns über den Kontakt am Ende des Eintrags.