Titel & Einordnung

Gustavo Razzetti, argentinisch-US-amerikanischer Kulturstratege und Gründer von Fearless Culture, hat mit Remote, Not Distant (2022) ein Praxishandbuch für hybride und verteilte Teams geschrieben, das bewusst nicht das Büro zurückbringen will, sondern die Frage stellt, welche Kulturverbindungen einen Arbeitszusammenhang tragen, wenn die Leute nicht mehr physisch zusammenkommen.

Der Inhalt

Worum es geht

Razzetti schrieb das Buch während der Pandemie und richtete es bewusst an die Realität danach aus. Sein Ausgangspunkt: Die meisten Unternehmen haben seit 2020 darum gekämpft, ihre Kultur “remote” am Leben zu erhalten; einige wenige aber wirken, als hätten sie den Übergang mühelos geschafft. Das sei kein Glück gewesen, sondern Design. [quelle: remote-not-distant]

Das Buch zieht die Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Firmen wie Amazon, Slack, GitHub und Microsoft heran und destilliert daraus Werkzeuge, die unmittelbar anwendbar sind.

Vier thematische Stränge

Razzetti bündelt seine Themen in vier Bereichen, die alle um die Frage kreisen, wie Verbindung und Ownership jenseits gemeinsamer Bürozeit entstehen:

  1. Belonging und psychologische Sicherheit: Zugehörigkeit wird nicht durch Kickoff-Events und “Culture Days” erzeugt, sondern durch tägliche Mikro-Interaktionen, die zeigen, dass eine Person als Mensch und nicht nur als Output zählt.
  2. Kollaboration über Zeitzonen und Arbeitsstile hinweg: Konsequent synchron zu arbeiten ist für verteilte Teams ein Luxus, der viel Kontext und Energie kostet. Razzetti plädiert für eine bewusste Mischung aus synchroner und asynchroner Kommunikation — mit klaren Standards, wann welcher Kanal der richtige ist.
  3. Courageous Conversations: Viele Konflikte entstehen nicht aus Interessensgegensätzen, sondern aus unausgesprochenen Annahmen. Razzetti liefert eine einfache Heuristik: Wer drei Tage lang über ein Thema schweigt, hat bereits angefangen, “Conversational Debt” aufzubauen.
  4. Rituale statt Policies: Verhaltensänderung entsteht nicht durch Regeln, sondern durch Rituale, also kleine, wiederkehrende Praktiken, die das Gewünschte verankern — etwa wöchentliche “Demos des Lernens”, in denen jemand zeigt, was er oder sie nicht weiss.

Die Umkehrung der Distanz-Debatte

Razzettis vielleicht wichtigste Pointe: Die Diskussion “Remote vs. Office” ist eine falsche Frage. Sie verwechselt Mittel mit Zweck. Was eine Kultur trägt, ist nicht Anwesenheit, sondern Verlässlichkeit, Sichtbarkeit und geteilte Verantwortung. Wenn diese drei funktionieren, ist “remote” kein Distanz-Problem — dann ist “Office” überflüssig. [quelle: remote-not-distant]

Was Razzetti nicht verspricht

Das Buch ist kein Plädoyer gegen das Büro. Razzetti schreibt explizit, dass es nicht darum geht, “ins Normale zurückzukehren”, sondern eine absichtliche, neue Normalität zu designen. Wer “nur” eine Ausrede sucht, um wieder Vollzeit im Büro zu verlangen, wird enttäuscht. Wer hingegen versteht, dass jede Präsenzregel eine kulturelle Entscheidung ist, bekommt einen Werkzeugkasten.

Die leadnow-Brille

Razzetti trifft einen Nerv, den die meisten KMU-CEOs nur halb aussprechen: Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass “Kultur” nicht automatisch entsteht, nur weil alle im gleichen Raum sitzen. Was er liefert, ist ein brauchbarer Werkzeugkasten — Belonging, Rituale, mutige Gespräche, asynchrone Disziplin. Wo die Brille fehlt: Razzetti bleibt in der Sprache der Design- und Kulturberatung; die Frage “Was hat das mit dem Tagesgeschäft in einer 120-Mann-Werkstatt im Mittelland zu tun?” beantwortet er implizit. leadnow ergänzt hier: Energiekreislauf und Selbstwirksamkeit sind die zwei Schweizer Achsen, die zeigen, ob Rituale und mutige Gespräche bei einem konkreten Team überhaupt tragen. Wer Rituale einführt, ohne den Energiekreislauf zu kennen, baut eine Bühne ohne Strom.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass die Diskussion um Büro- und Homeoffice-Tage in Ihrem Unternehmen die eigentliche Frage überdeckt — was wir einander an Verlässlichkeit und Sichtbarkeit schulden, wenn wir uns nicht mehr physisch begegnen?

Der nächste Schritt

Wählen Sie ein einziges verteiltes Team und führen Sie für 30 Tage ein bewusstes Ritual ein: wöchentliche “Demos des Lernens”, asynchrone Stand-ups oder einen fixen Slot für courageous conversations. Beobachten Sie, was sich verändert — und was nicht. Der Leadnow Radar zeigt Ihnen, wie reif Ihre Kultur für verteilte Führung heute ist, anonym und kostenlos.

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Offene Fragen

  • Wie weit tragen Razzettis Tools in produzierenden KMU mit Schichtarbeit, in denen “asynchron” nur zwischen den Schichten funktioniert?
  • Die “Demos des Lernens” wirken sympathisch, sind aber in stark gewachsenen KMU kulturell oft eine Überforderung — wo liegt die Untergrenze der Teamgrösse, ab der das Ritual überhaupt zieht?
  • Razzetti schreibt aus US-Start-up-Kontext. Wie weit ist die Schwellenangst in Schweizer KMU höher, “Conversational Debt” offen zu adressieren?

Quellen

  • Razzetti, Gustavo (2022). Remote, Not Distant: Design a Company Culture to Thrive in a Hybrid Workplace. Fearless Culture. ISBN 978-0999097396. Bezug: https://gustavorazzetti.com/remote-not-distant/.
  • Klappentext, Vorwort und Lesestimmen verifiziert auf der Autorenwebseite sowie auf der Produktseite.