Titel & Einordnung
Professionelles Eskalieren — aus dem Leadnow-Wissensarchiv (Psychologie der Führung / Konflikt).
Der Inhalt
Was tun, wenn Reden nicht mehr reicht? Wenn:
- Sie drei mal gesagt haben, was Sie brauchen, und es trotzdem nicht erhalten?
- er sich zwar entschuldigt, aber die roten Linien trotzdem wieder und wieder überfährt?
- sie den lange abgemachten Termin kurz vorher absagen?
Solche Dinge sind häufig bei bereichsübergreifender Zusammenarbeit mit Silo-Fallen. Sie machen ohnmächtig und lassen resignieren: “Ich habe alles probiert, und es funktioniert trotzdem nicht.”
(Oft entsteht viel Druck in Richtung GL, die dies lösen soll. Dies ist richtig. Aber was tut man, wenn es die GL auch noch nicht schafft? Schliesslich braucht es Führung genau deshalb, weil die GL nicht perfekt ist.)
Oft entstehen auch Ausreden und Entschuldigungen: Ich kann nichts tun, schliesslich habe ich keine Weisungsbefugnis über die anderen. Letzteres stimmt. Ersteres nicht. Und die Ohnmacht bleibt.
Professionelles Eskalieren
Menschen hören nicht was du sagst. Menschen schauen, was du tust.
Ihre Führung ist wirksam, wenn Ihr Gegenüber spürt: Es gilt!
Und dies ist genau dann der Fall, wenn Sie auf der richtigen Stufe handeln.
Eskalationen verlaufen entlang typischer Stufen:
1. Debatte —> 2. Taten statt Worte —> 3. Du oder ich (Koalitionen)
| Stufe | ”Sprache” | Wirksame Führungs-Handlung |
|---|---|---|
| 1. Debatte | Reden | Reden. Argumentieren. Debattieren. |
| 2. Taten statt Worte | Handeln | Handeln: Sanktionsandrohung |
| 3. Du oder ich - Koalitionen | Gesichtsangriff | Strukturelle Veränderungen |
Wirksam führen mit Taten statt Worten (Stufe 2)
Alle drei einleitenden Beispiele sind auf der Stufe 2: “Taten statt Worte”. Man sagt A und macht B. Wer als Führungskraft beim Reden bleibt, agiert auf der falschen Stufe und ist unwirksam!
Viele Führungskräfte schrecken vor Stufe 2 zurück, oder agieren hier unprofessionell aus einem persönlichen Befindlichkeit heraus (“dem zeig ichs!”). Wirksame Führung sollte diese Stufe beherrschen. Dies beginnt mit einer passenden Haltung.
Menschen suchen die Grenzen. Das ist nicht böse, sondern natürlich. Ob ein “Nein” wirklich ein “Nein” ist, findet man nur heraus, wenn man die rote Linie testet. Zudem sollen die Mitarbeitenden bitteschön stark sein, selber denken und clever mit schwierigen Kunden umgehen. Schön und gut. Bloss sind starke, clevere Mitarbeitende auch stark und clever beim Aushandeln der eigenen Vorteile. Eine optimale Haltung, wenn die Debatte nicht mehr reicht: Wer Grenzen sucht, hat das Recht, die Grenzen zu finden. So wertschätzend wie möglich. So schonungslos und klar wie nötig.
Sanktionsandrohung
Die wirksame Führungshandlung auf Stufe 2 ist die Tat. Konkret: Eine Sanktionsandrohung. Dazu muss man zuerst einmal die Hausaufgaben machen. Die Aufgabe lautet: Was könnte ich tun, das das Gegenüber adäquat schmerzt (nicht zu stark und nicht zu wenig)? Es muss etwas sein, das ich durchziehen kann und werde. Hier lohnt es sich, Zeit dafür aufzuwenden und kreativ zu werden. Denn oft erscheint es auf den ersten Blick schwierig, bei längerem Brainstorming zeigen sich jedoch diverse Auswirkungen und Möglichkeiten. Hier lohnt es sich auch, mehrere Personen einzuladen. Nicht selten gibt es Leute, die Teillösungen gefunden haben. Und nicht selten kompensiert man selbst, weil man die Konsequenzen auch nicht will. Das weiss die Gegenpartei und nutzt es aus.
- In einem sachlichen Gespräch wird die Sanktion angedroht. Wenn X passiert, sehe ich mich gezwungen, folgendes zu tun. Ich will das nicht, aber ich werde es tun. (Das ist unverhandelbar. Es geht ja nicht mehr ums debattieren, sondern um Taten statt Worte).
- Die Essenz gleich nach dem Gespräch in einer E-Mail schriftlich festhalten. “Ich habe dich im heutigen Gespräch informiert, dass…”. Schriftlichkeit erhöht den Druck.
- Falls es funktioniert: Sofort einlenken, und in partnerschaftlichen Arbeitsmodus übergehen, als wäre nichts passiert.
- Und sonst: Sanktion sachlich durchziehen.
Dieses Vorgehen entspricht Tit for Tat.
Du oder ich - Stufe 3
Es ist wichtig, in Stufe 2 Wirkung zu erzeugen. Es ist wichtig, aus der persönlichen Komfortzone heraus zu treten (Eskalieren? Sanktionieren? Will ich nicht.). Denn wichtiger als was Sie wollen ist, was die Situation braucht. Wer Grenzen sucht, hat das Recht, diese zu finden.
Werden die Grenzen auf Stufe 2 nicht gefunden, hat der Konflikt das Potential, auf Stufe 3 zu schwappen. Und hier ist es sehr schwierig, aus eigener Kraft herauszufinden. Denn sobald persönliche Angriffe im Spiel sind, braucht es Drittpersonen für die Klärung.
Oft gärt der Konflikt lange auf Stufe 2. Das ist weniger akut bedrohlich, aber mittelfristig auch vernichtend: Wer will sich schon über lange Zeit ohnmächtig erleben?
Diese Woche ausprobieren
Dieser Eintrag («Professionelles Eskalieren») beschreibt ein Muster. Bevor Sie etwas verändern, lohnt sich die Beobachtungsphase — drei kleine Schritte:
- Beobachten, bevor Sie handeln. Notieren Sie eine Woche lang jede Situation, in der das beschriebene Muster bei Ihnen oder im Team auftritt. Keine Bewertung, nur Erfassen.
- Eine Mikro-Konsequenz ziehen. Wählen Sie die kleinste wiederkehrende Situation und ändern Sie dort genau Ihren nächsten Schritt — minimal, reversibel, beobachtbar.
- Einen Sparringspartner fragen. Erzählen Sie jemandem Ihres Vertrauens eine konkrete Episode aus dieser Woche. Fragen Sie nicht um Rat — fragen Sie: «Was siehst du, was ich nicht sehe?»
Nach einer Woche: ist das Muster noch da, aber jetzt sichtbar? Dann lohnt sich der Leadnow-Radar-Schritt. Ist es nicht mehr aufgetaucht? Dann war es eine Phase, kein Muster — und Sie wissen jetzt, wie Sie es beim nächsten Mal erkennen.
Wann das Wiki nicht reicht
Dieser Eintrag ist eine Diagnose, keine Therapie. Er ist hilfreich, wenn Sie einen Mechanismus erkennen und ein erstes Vokabular dafür haben. Er ist nicht ausreichend, wenn:
- Akute Krise. Wenn etwas brennt (Mitarbeiter kündigt, Kunde springt ab, Cashflow eng), brauchen Sie kurzfristige Entscheidungshilfe, nicht einen Wiki-Eintrag. Holen Sie sich jemanden an den Tisch, der mit Ihnen in 48 Stunden sortiert — Paten, Beirat, Bank, Coach.
- Strukturelle Blockaden. Wenn ein Mechanismus seit Jahren besteht und niemand ihn brechen kann, liegt das an Kräften, die ein einzelner Eintrag nicht erreicht: fehlende Eigentümerschaft, dysfunktionale Aufsicht, persönliche Risiken für einzelne Schlüsselpersonen. Das ist Beratung, nicht Information.
- Eigene Betroffenheit. Wenn Sie gerade mitten in einer Krise stecken, lesen Sie das hier falsch — Sie projizieren Ihre Geschichte in das Muster. Warten Sie drei Tage, lesen Sie dann nochmal.
- Kulturelle Differenzen. Wenn Ihr Unternehmen in einem anderen rechtlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Kontext arbeitet als hier angenommen (Schweizer KMU), gilt vieles, aber nicht alles. Vergleichen Sie die Annahmen, bevor Sie die Schlüsse übernehmen.
In allen vier Fällen: das Wiki hilft Ihnen, das Muster zu sehen. Es ersetzt nicht die Arbeit, es zu bewegen. Wenn Sie bereit sind zu handeln, aber nicht wissen wo — schreiben Sie uns über den Kontakt am Ende des Eintrags.
Quellenverweise
Die Kernideen für diesen Artikel entstammen dem Konfliktstufenmodell von Fritz Glasl, sowie dem von Gunther Schmidt zusammengefassten Tit for Tat.
Die leadnow-Brille
«Menschen hören nicht was du sagst. Menschen schauen, was du tust» ist eine der wirksamsten Führungs-Pointen: Sie verschiebt die Verantwortung von der Kommunikation auf die Konsequenz. Was das Eskalations-Stufenmodell im Führungsalltag trotzdem offenlässt: Es sagt, dass Stufe 2 die wirksame Stufe ist, aber es sagt wenig darüber, wie eine Führungskraft die Sanktionsandrohung wirklich formuliert, ohne in die persönliche Kränkung zu kippen — und genau diese Sprache ist die seltene Disziplin. leadnow ergänzt: Im selbstwirksamkeitsmodell ist die Eskalation der Moment, in dem die Führungskraft ihre eigene Komfortzone verlassen muss; die kuschelfalle tarnt das Verharren in Stufe 1 als «wir sind ein nettes Team», und die expertenfalle tarnt das schnelle Springen in Stufe 3 als Sachlichkeit.
Die Spiegelfrage
Könnte es sein, dass Sie in einer aktuellen Situation seit Wochen auf Stufe 1 (Reden) verharren, obwohl die Situation Stufe 2 (Taten) verlangt — und dass Sie den ersten Schritt zur Sanktionsandrohung heute nicht gehen, weil Sie die Konsequenzen selber nicht wollen?
Der nächste Schritt
Erkennen Sie dieses Muster bei sich? Der Leadnow Radar zeigt Ihnen in fünf Minuten, wie ausgeprägt es in Ihrer Organisation ist — anonym und kostenlos.