Titel & Einordnung

Stress ist nicht der Feind — der Glaube, dass Stress schadet, ist es. So lässt sich Kelly McGonigals 2015 erschienenes Buch The Upside of Stress: Why Stress Is Good for You, and How to Get Good at It (Avery, Penguin) in einem Satz zusammenfassen. McGonigal, Jahrgang 1977, promovierte an der Stanford University in Psychologie und lehrte dort unter anderem den Kurs «Willpower». Ihr TEDGlobal-Talk «How to Make Stress Your Friend» vom Juni 2013 in Edinburgh erreichte auf TED.com über 30 Millionen Aufrufe und war der Auslöser für das Buch. McGonigal verbindet darin neuere gesundheitspsychologische Studien mit einer handfesten Alltags-Anleitung für den Umgang mit Belastung — und liefert damit eine der meistzitierten Korrekturen am öffentlichen Stress-Diskurs der letzten zehn Jahre. [quelle: mcgonigal-upside-of-stress]

Der Inhalt

Die Wende: «Meine Angst ist, dass ich zehn Jahre lang das Falsche gelehrt habe.»

McGonigal erzählt offen, wie sie ihre eigene Haltung revidiert hat. Ausgangspunkt war eine US-amerikanische Längsschnittstudie der University of Wisconsin-Madison von Keller et al. (2012), die Probanden der National Health Interview Survey (1998, über 28’000 Personen) mit Sterbedaten bis 2006 verknüpfte: Wer sowohl über viel Stress berichtete als auch glaubte, dass Stress der eigenen Gesundheit schade, hatte ein um 43% erhöhtes Risiko vorzeitigen Todes (HR 1,43, 95% CI 1,2–1,7) gegenüber Vergleichspersonen. Allein die Stress-Überzeugung — nicht die objektive Stressmenge — wirkt laut dieser Auswertung als eigenständiger Mortalitätsfaktor. Das war McGonigals Wendepunkt: Wenn die Überzeugung so viel Schaden anrichtet, dann ist die Haltung zu Stress selbst ein klinisch relevantes Thema. [quelle: mcgonigal-upside-of-stress]

Die drei Hebel: Mindset, Körper, Verbindung.

Aus diesem Befund leitet das Buch drei grosse Hebel ab, die alle handlungsrelevant sind:

  1. Mindset wechseln. Wer die körperliche Stressreaktion (Herzrasen, schneller Atem, Schweiss) als Zeichen dafür liest, dass der Körper sich auf eine Herausforderung vorbereitet, hat eine andere Stressphysiologie als jemand, der dieselben Signale als Bedrohung interpretiert. Eine experimentelle Studie um Wendy Berry Mendes (Harvard, 2012, «Improving Acute Stress Responses: The Power of Reappraisal») zeigte, dass Reappraisal — die kognitive Umdeutung der Stressreaktion — die kardiovaskulären Reaktionen bei einer Belastungsprobe in Richtung «Challenge» statt «Threat» verschiebt. McGonigals praktische Konsequenz: Sich bewusst sagen «Mein Körper bereitet mich vor, das Problem zu lösen» — nicht «Mein Körper versagt». [quelle: mcgonigal-upside-of-stress]

  2. Verbindung suchen. McGonigal zitiert die «Helping»-Studie von Poulin et al. (2013): Wer unter Stress anderen hilft oder soziale Bindungen aktiviert, zeigt eine reduzierte stressbedingte Mortalität. Oxytocin, oft als «Kuschelhormon» verkannt, ist primär ein Stresshormon — es wird unter Belastung ausgeschüttet und motiviert dazu, andere zu suchen. Der bisherige Rat «Stress reduzieren» wird damit ergänzt um «Stress teilen». McGonigals Schlusszitat: «When you choose to view your stress response as helpful, you create the biology of courage. And when you choose to connect with others under stress, you can create resilience.» [quelle: mcgonigal-upside-of-stress]

Was die Evidenzlage hergibt — und was nicht.

Das Buch baut auf realen Datensätzen auf; die publizierte Kritik (u.a. Scientific American Mind Reviews, Juli 2015) hält fest, dass die oft zitierte «182’000 vorzeitigen Tote pro Jahr» eine Hochrechnung auf Basis des Hazard Ratios ist, nicht eine direkte Todesursachen-Statistik. Die Richtung der Erkenntnis ist empirisch gut gestützt; die öffentlich zirkulierende Zahl ist präziser, als sie sein sollte. Für die Führungspraxis reicht die grobe Richtung. [quelle: mcgonigal-upside-of-stress]

Die leadnow-Brille

leadnow liest McGonigal durch zwei Linsen. Erstens: Sie ist die bislang präziseste Stimme, die die Stress-Frage kulturell entgiftet — in der Schweizer KMU-Welt ist die Killerphrase «Ich bin im Stress» längst zum Statussymbol geworden und führt in genau die Falle, die Keller et al. (2012) nachgewiesen haben, dass nämlich wer glaubt, dass Stress schadet, sich tatsächlich mehr schadet. Wer hingegen Stress als Hinweis auf eine sinnvolle Herausforderung umdeutet, mobilisiert genau die Energie, die das energiekreislauf-der-fuehrung als «Ko-Kreation» bezeichnet, und wer mit dem Team unter Druck bewusst in Verbindung geht, statt sich zu isolieren, betreibt präventiv das, was gesundheitsorientierte-fuehrung fordert. Zweitens hat das Buch dort seine Grenze, wo die leadnow-Brille ansetzt: McGonigal beschreibt den Hebel vor allem psychologisch (Mindset, Körper, Beziehung) und leistet nicht die organisationale Übersetzung dessen, was passiert, wenn die Führungsstruktur selbst die Stress-Überzeugung reproduziert — sichtbar im Leadnow-Radar, der zeigt, wo das System Ihre Haltung verstärkt oder untergräbt.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass die einzige Belastung, die Ihren Alltag wirklich verlängert, die Überzeugung ist, dass diese Belastung krank macht — und dass die Antwort nicht ein besserer Kalender, sondern eine andere Lesart von «gestresst sein» ist?

Der nächste Schritt

Versuchen Sie es eine Woche lang: Wenn Sie das nächste Mal Herzrasen oder Anspannung spüren, sagen Sie sich nicht «Ich bin gestresst», sondern «Mein Körper bereitet mich auf etwas vor, das mir wichtig ist». Beobachten Sie, was sich verändert — in Ihrem Schlaf, in Ihren Reaktionen im GL-Meeting, in der Tonlage Ihrer E-Mails. Auf dem Leadnow Radar sehen Sie anschliessend, an welcher Stelle des Energiekreislaufs Ihre Organisation steht.

Zum Radar →

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Offene Fragen

  • Die berühmte «182’000 vorzeitigen Tote»-Zahl ist eine Hochrechnung aus dem Hazard Ratio von Keller et al. (2012); sie wurde methodisch angefochten (u.a. Scientific American, 2015). Wie verlässlich ist die Botschaft, wenn die epidemiologische Präzision begrenzt ist?
  • McGonigals Hebel «Verbindung» braucht eine organisationale Übersetzung: Was heisst es in einem Schweizer KMU konkret, wenn eine GL unter Druck «auf andere zugeht», ohne dass das in der Belegschaft als Signal der Schwäche gelesen wird?

Quellen