Titel & Einordnung
Lohn (Diskussion Standardsituation) — aus dem Leadnow-Wissensarchiv (Psychologie der Führung / Wahrnehmung - Interpretation).
Der Inhalt
Vor gut 25 Jahren schloss ich mein Ingenierustudium ab. Es war Fachkräftemangel. Firmen wie die Siemens luden ganze Klassenzügen zum Nachtessen ein und boten gute Einstiegsgehälter. Die absoluten Traumjobs für uns waren aber der Sauber Rennstall in Hinwil, oder das Alinghi Team. Obwohl bekannt war, dass die massiv tiefere Löhne zahlen.
Wir Menschen sind kognitive Geizhälse. Das bedeutet, wir können nur auf wenige Themen gleichzeitig fokussieren.
Man kann sich die Themen wie Jonglierbälle vorstellen. Wer gut ist, schafft fünf.

Bildquelle: Buckers Bern
Auch für unser Engagement in der Arbeitswelt suchen wir uns solche Themenbälle. Zu Auswahl stehen:
- Lohn
- Zusammenarbeit, Vertrauen
- Wertschätzung, Führung
- Sinnhaftigkeit der Arbeit
- Work-Life-Balance
- Weiterentwicklung, Karrieremöglichkeiten
und einige mehr. Dies sind jedoch die Meistgenannten. Es ist wie beim Essen: Einige Dinge schmecken sehr verlockend, andere vielleicht weniger. Einige sind sehr gesund, andere weniger. Leider decken sich diese beiden Kategorien nicht immer. Lohn ist inetwa so attraktiv und ungesund wie Zucker.
Daran kann man aber arbeiten und dies ist eine wichtige Führungsaufgabe.
Führung hat einen hohen Einfluss auf die Lohnzufriedenheit
Zuerst ist es wichtig, die Bälle für sich selbst zu sortieren. Weil wirksam führen geht nur authentisch. Ein guter Start ist, die eigene Wertehierarchie zu reflektieren. Oder eine Dokumentation über Sauber, Alinghi, oder was einen auch immer begeister zu schauen. Oder Freiwilligenarbeit zu leisten und am eigenen Leib zu spüren, was die Wissenschaft sagt: Dass in der Freiwilligenarbeit Geld Motiviation schmälert.
Wer dies für sich sortiert hat, kann seine Mitarbeitenden unterstützen, es ebenso zu tun. Wer am eigenen Leib erfahren hat, wie die Lebensfreude steigt, wenn man auf die richtigen Bälle setzt, wird leichter zum Vorbild.
Konfrontiert mit Lohnforderungen, helfen drei Schritte:
- Objektivieren: Natürlich gibt es auch Situationen, wo Forderungen gerechtfertigt sind. Es ist jedoch eher die Ausnahme. Lohnvergleiche innerhalb des Unternehmens haben einen viel höheren Einfluss auf die Zufriedenheit, als Vergleiche zwischen Unternehmen. Wenn zwei vergleichbare Ingenieure bei Sauber ungleich verdienen, werden auch sie sauer.
- Gesunde “Bälle” anbieten: Sinnhaftigkeit, Weiterentwicklung, Zusammenarbeit gehören zu den gesündesten Bällen. Work-Life-Balance und Karriere sind Ego-Bälle, ähnlich ungesund wie Lohn.
- Wahlfreiheit anbieten. Jeder Mensch entscheidet selbst, welche Bälle ihm wichtig sind. Menschen, denen Lohn wichtig bleibt, muss man aus drei Gründen ziehen lassen:
- Lohnerhöhungen aufgrund von Druck sind praktisch nie nachhaltig.
- Sie vergiften das Arbeitsklima, denn die Lohnspirale und somit der ungesunde Fokus auf den Lohn setzt ein.
- Wahlfreiheit verändert nicht selten den Fokus. Die Ernährung umstellen ist ja erlaubt…
Eine sehr gute Variante für 2 und 3 ist diese hier:
Du bist ein super Mitarbeiter. Wenn du mehr Lohn willst, schreibe ich dir ein Top-Arbeitszeugnis. Damit findest du in Industrien, die mehr bezahlen dein Glück. Falls du gerne mit inspirierenden Leuten in internationalen Projekten arbeitest, bist und bleibst du bei uns willkommen. (Ehem. CTO der Phonak AG)
Diese Woche ausprobieren
Dieser Eintrag («Lohn (Diskussion Standardsituation)») beschreibt ein Muster. Bevor Sie etwas verändern, lohnt sich die Beobachtungsphase — drei kleine Schritte:
- Beobachten, bevor Sie handeln. Notieren Sie eine Woche lang jede Situation, in der das beschriebene Muster bei Ihnen oder im Team auftritt. Keine Bewertung, nur Erfassen.
- Eine Mikro-Konsequenz ziehen. Wählen Sie die kleinste wiederkehrende Situation und ändern Sie dort genau Ihren nächsten Schritt — minimal, reversibel, beobachtbar.
- Einen Sparringspartner fragen. Erzählen Sie jemandem Ihres Vertrauens eine konkrete Episode aus dieser Woche. Fragen Sie nicht um Rat — fragen Sie: «Was siehst du, was ich nicht sehe?»
Nach einer Woche: ist das Muster noch da, aber jetzt sichtbar? Dann lohnt sich der Leadnow-Radar-Schritt. Ist es nicht mehr aufgetaucht? Dann war es eine Phase, kein Muster — und Sie wissen jetzt, wie Sie es beim nächsten Mal erkennen.
Wann das Wiki nicht reicht
Dieser Eintrag ist eine Diagnose, keine Therapie. Er ist hilfreich, wenn Sie einen Mechanismus erkennen und ein erstes Vokabular dafür haben. Er ist nicht ausreichend, wenn:
- Akute Krise. Wenn etwas brennt (Mitarbeiter kündigt, Kunde springt ab, Cashflow eng), brauchen Sie kurzfristige Entscheidungshilfe, nicht einen Wiki-Eintrag. Holen Sie sich jemanden an den Tisch, der mit Ihnen in 48 Stunden sortiert — Paten, Beirat, Bank, Coach.
- Strukturelle Blockaden. Wenn ein Mechanismus seit Jahren besteht und niemand ihn brechen kann, liegt das an Kräften, die ein einzelner Eintrag nicht erreicht: fehlende Eigentümerschaft, dysfunktionale Aufsicht, persönliche Risiken für einzelne Schlüsselpersonen. Das ist Beratung, nicht Information.
- Eigene Betroffenheit. Wenn Sie gerade mitten in einer Krise stecken, lesen Sie das hier falsch — Sie projizieren Ihre Geschichte in das Muster. Warten Sie drei Tage, lesen Sie dann nochmal.
- Kulturelle Differenzen. Wenn Ihr Unternehmen in einem anderen rechtlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Kontext arbeitet als hier angenommen (Schweizer KMU), gilt vieles, aber nicht alles. Vergleichen Sie die Annahmen, bevor Sie die Schlüsse übernehmen.
In allen vier Fällen: das Wiki hilft Ihnen, das Muster zu sehen. Es ersetzt nicht die Arbeit, es zu bewegen. Wenn Sie bereit sind zu handeln, aber nicht wissen wo — schreiben Sie uns über den Kontakt am Ende des Eintrags.
Quellen:
- Zusammenhängen zwischen Vergütung und Zufriedenheit hängt stark ab von gesellschaftlichen Faktoren.
- So hat Kahnemann herausgefunden, dass bei sehr tiefen Einkommen Zufriedenheit stark an den Lohn gekoppelt ist. Wer arm ist, für den ist jeder zusätzliche Franken pures Glück. Bei hohen Einkommen flacht der Zusammenhang ab und wird sogar negativ.
- “Money makes you happier, but only if you don’t care about it.” (Arthur C. Brooks - the atlantic)
- Wehner hat bei Studien über Freiwillige herausgefunden, dass Vergütung einen negativen Einfluss auf deren Motiviton hat.
Die leadnow-Brille
Die Jonglierbälle-Metapher und die Kahneman-Befunde («Lohn macht nur glücklich, wenn man nicht darauf fixiert ist») sind eine sehr ehrliche Brille auf das Lohn-Thema: Sie verschieben die Frage von «Wie viel?» zu «Welche Bälle sind die wichtigen?» — und entlarven den Lohn-Fokus als «Zucker-Ball», der kurzfristig befriedigt und langfristig schadet. Was der Artikel im Führungsalltag trotzdem offenlässt: Die Pointe «Lohnerhöhungen aus Druck sind nie nachhaltig» ist richtig, aber taktisch unvollständig — es gibt Situationen, in denen eine faire Lohnerhöhung genau die richtige Antwort ist, und die Führungskraft muss erkennen, wann. leadnow ergänzt: Im selbstwirksamkeitsmodell ist die Lohn-Diskussion der Test, ob die Führungskraft Wirksamkeit von Motivation trennen kann; die kuschelfalle tarnt das Nachgeben als Empathie, die expertenfalle tarnt das Verweigern als Sachlichkeit, und die erpressungsfalle ist die Eskalationsform beider.
Die Spiegelfrage
Könnte es sein, dass Sie in der nächsten Lohn-Diskussion mehr Energie in die Verteidigung der Zahl investieren als in die Frage, welcher «Ball» dem Mitarbeitenden eigentlich wirklich wichtig ist — und dass genau diese Frage die Diskussion grundlegend verändern würde?
Der nächste Schritt
Erkennen Sie dieses Muster bei sich? Der Leadnow Radar zeigt Ihnen in fünf Minuten, wie ausgeprägt es in Ihrer Organisation ist — anonym und kostenlos.