Titel & Einordnung

Jeffrey Pfeffer, Thomas D. Dee II Professor of Organizational Behavior an der Stanford Graduate School of Business, veröffentlicht Leadership BS: Fixing Workplaces and Careers One Truth at a Time im September 2015 bei HarperBusiness (Hardcover ISBN 978-0-06-238314-3, Taschenbuch ISBN 978-0-06-238316-7). Das Buch ist die populäre Zuspitzung eines jahrzehntelangen Forschungsprogramms Pfeffers zu evidenzbasierter Führung. Die Kernthese: Ein Gros der gängigen Leadership-Ratschläge ist empirisch unbelegt — die Führungs-Industrie verkaufe Geschichten, keine Evidenz, und schade damit den Praktiker:innen, die danach handeln. [quelle: leadership-bs-pfeffer]

Der Inhalt

Wer Pfeffer ist und warum ihm zugehört wird. Pfeffer, geboren am 23. Juli 1946, lehrt seit 1979 an der Stanford GSB, ist Fellow der Academy of Management und Mitbegründer der «Evidence-Based Management»-Bewegung (zusammen mit Robert I. Sutton, siehe Hard Facts, Dangerous Half-Truths, and Total Nonsense, 2006). Auf Stanford GSB führt er seit Jahren das Elective The Paths to Power, das zu den beliebtesten Kursen des MBA-Programms gehört. Diese Doppelrolle — strenger Akademiker und Insider des Führungs-Diskurses — gibt seinen Thesen ein Gewicht, das reine Management-Gurus selten erreichen. [quelle: leadership-bs-pfeffer]

Die «Truths at a Time»-Logik. Pfeffer zerlegt das Buch in neun populäre Leadership-Behauptungen, die er als Mythen («BS» — Pfeffer selbst definiert es als «badly stated») entlarvt: die Annahme, immer konsistent sein zu müssen; der Glaube, jedes Leadership-Problem sei lösbar; die Behauptung, Belohnung funktioniere; die Forderung nach bedingungsloser positiver Haltung; die Überzeugung, Werte und Kultur liessen sich verordnen; das Image der charismatischen Einzelheld:in; die Behauptung, man müsse «die Menschen lieben», um sie zu führen; das Versprechen, Authentizität sei ein Erfolgsrezept; die Annahme, Führung lasse sich sauber von Management trennen. Für jeden Mythos liefert Pfeffer Gegenevidenz aus der Organisationsforschung und benennt die situativen Bedingungen, unter denen die jeweilige «Wahrheit» tatsächlich trägt — und unter denen sie nachweislich schadet. [quelle: leadership-bs-pfeffer]

Empirischer Kern. Pfeffer stützt sich auf Meta-Analysen, Feldexperimente und Längsschnittstudien zu Themen wie transformationale Führung, charismatische Führung, Werte-Programme und authentische Führung. Seine Botschaft ist nicht zynisch, sondern methodisch: Wer eine Führungs-Empfehlung akzeptiert, soll nach der Evidenz fragen — und die ist in den meisten populären Leadership-Büchern dünn. [quelle: leadership-bs-pfeffer]

Rezeption. Leadership BS wurde in den Wirtschaftsmedien als Tabubruch gegen die Gurus-Kultur aufgenommen, gleichzeitig als «unnötig hart» kritisiert. Für den deutschsprachigen Markt bleibt das Buch über die englische Originalausgabe hinaus wirksam; eine offizielle deutsche Übersetzung ist im Verlag nicht erschienen, was die Rezeption in der DACH-Region auf akademisch interessierte Leser:innen begrenzt. [quelle: leadership-bs-pfeffer]

Was Pfeffer nicht ist. Pfeffer ist kein Leadership-Verächter. Sein vorheriges Buch Power: Why Some People Have It and Others Don’t (2010) ist ein nüchterner Leitfaden zum Machtgebrauch — nicht als Manipulation, sondern als notwendige Führungsressource. Leadership BS ist die komplementäre Abrechnung mit der Beratungs-Industrie, die diese Ressourcen schlecht berät. Pfeffers Pointe: Wer führen will, muss weniger an Glaubenssätze und mehr an Daten glauben. [quelle: leadership-bs-pfeffer]

Die leadnow-Brille

Pfeffer hat einen Nerv getroffen, der in der Schweiz oft höflich übergangen wird: Viele Führungskräfte handeln nach Rezepten, die nie auf ihre Situation passten — und merken es erst, wenn der Schaden da ist. Was Pfeffer richtig sieht: Das vermeintliche «mehr an Führung» ist oft ein «weniger an Wirksamkeit», weil Energie in Rituale fliesst, die das eigentliche Problem nicht lösen. leadnow ergänzt Pfeffers Evidenz-Forderung um die Frage, welche dieser Mythen im konkreten KMU-Alltag überhaupt wirksam sind — und wo sie zur kuschelfalle oder macher-falle kippen. Das selbstwirksamkeitsmodell liefert die Brücke: Eine Führungskraft, die weiss, dass nicht jedes Rezept empirisch trägt, kann ihre eigene Wirksamkeit ehrlicher einschätzen — und sich vom «Ich mache alles richtig und es wirkt nicht»-Modus befreien. Die Grenze: Pfeffers Evidenz-Appell hilft beim Entrümpeln, nicht beim Gestalten. Welche Führungshaltung ein konkreter KMU-CEO entwickeln soll, sagt das Buch nicht.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass Ihre wichtigste Führungsentscheidung der letzten zwei Jahre auf einem Ratschlag beruhte, für den es in der Forschungslage keine überzeugende Evidenz gibt — und dass Sie das wissen, aber nicht prüfen wollen, weil das Eingeständnis teurer wäre als das Festhalten?

Der nächste Schritt

Nehmen Sie sich 30 Minuten: Listen Sie die drei Leadership-Praktiken auf, die Sie am meisten verteidigen würden, wenn jemand sie infrage stellt. Suchen Sie für jede Praktik eine Meta-Analyse oder ein Feldexperiment (Pfeffers Buch, das Stanford-Repository oder das Center for Evidence-Based Management verlinken relevante Quellen). Welche Ihrer drei Praktiken hält der Prüfung stand — und welche nicht? Der Leadnow Radar misst, wie viel Ihrer Führungs-Energie in ungeprüfte Glaubenssätze fliesst — und wo der Hebel wäre, sie zurückzugewinnen. Mehr zum Thema Leadership-Mythen auf dem Radar unter Kultur.

Zum Radar →

Verwandte Einträge

  • selbstwirksamkeitsmodell — Wirksamkeit beginnt dort, wo ungeprüfte Glaubenssätze erkannt werden.
  • macher-falle — Pfeffers Mythen kippen dort in die Macher-Falle, wo der CEO mehr «Leadership» macht, statt die Situation zu prüfen.
  • kuschelfalle — Werte- und Kulturprogramme, die Pfeffer kritisiert, sind häufig der Einstieg in die Kuschelfalle.
  • kmu-fuehrungskompetenz-hsg — wer Pfeffers Evidenz-Forderung ernst nimmt, landet schnell bei Schweizer Programmen, die echte Wirkungsprüfung versprechen.
  • fredmund-malik-management-handwerk — Malik betont Wirksamkeit über Stimmungen; Pfeffers Evidenz-Forderung trifft sich mit Maliks «das Richtige tun».
  • tyranny-of-metrics — die empirische Verallgemeinerung von Pfeffers «Pay for Performance»-Kritik.

Offene Fragen

  • 2026-07-08: Wie weit lässt sich Pfeffers US-basierte Evidenz auf Schweizer KMU übertragen — gerade bei Themen wie charismatischer Führung, die in der Schweiz kulturell anders aufgeladen sind?
  • 2026-07-08: Welche seiner neun Mythen sind im deutschsprachigen Führungs-Diskurs überhaupt verbreitet — und welche sind Strohmänner einer angelsächsischen Beratungskultur?
  • 2026-07-08: Die Frage «wo wirkt welches Rezept empirisch?» bleibt offen — Pfeffer benennt das Problem, liefert aber keine operationalisierte Diagnostik für KMU-CEOs.

Quellen

  • Pfeffer, Jeffrey (2015). Leadership BS: Fixing Workplaces and Careers One Truth at a Time. New York: HarperBusiness. ISBN 978-0-06-238314-3 (Hardcover) / 978-0-06-238316-7 (Taschenbuch).
  • Pfeffer, Jeffrey (2010). Power: Why Some People Have It and Others Don’t. New York: HarperBusiness.
  • Pfeffer, Jeffrey & Sutton, Robert I. (2006). Hard Facts, Dangerous Half-Truths, and Total Nonsense: Profiting from Evidence-Based Management. Boston: Harvard Business School Press.
  • Stanford Graduate School of Business, Fakultätsprofil Jeffrey Pfeffer: https://www.gsb.stanford.edu/faculty-research/faculty/jeffrey-pfeffer
  • Wikipedia-Eintrag Jeffrey Pfeffer: https://en.wikipedia.org/wiki/Jeffrey_Pfeffer