Titel & Einordnung
Kindisch? Limbisch! — aus dem Leadnow-Wissensarchiv (Psychologie der Führung / Grundlegendes).
Der Inhalt
Wir sind doch kein Kindergarten!
Solche Ausrufe höre ich an jedem zweiten Führungskurs. Und muss antworten: Doch! Wir sind zwar erwachsene Menschen, doch die dominanten Verhaltensmuster in vielen Führungssituationen werden im Kindesalter entwickelt:
- Dieses Spielzeug gehört mir.
- Du bist mein Freund. Du bist mein Feind. Die Feinde meiner Freunde sind auch meine Feinde. Usw…
Das ist nicht Kindisch. Das ist Limbisch! Das Limbische System ist ein sehr alter Hirnteil. Er hat sich früh in unserer Evolution entwickelt. Es ist sozusagen unser Reptilienhirn: Friss oder Stirb. Angriff, Flucht, Täuschung.
Darüber ist das Kuhirn gestülpt: Es kann geniessen, in der Gegend rumglotzen.
Und ganz aussen ist das Menschenhirn. Hier wohnt z.B. die Impulskontrolle, die Frustrationstoleranz. Es versucht die andern beiden Hirne etwas im Zaum zu halten. Mal erfolgreicher, mal weniger.
Mit dem Reptilienhirn und dem Kuhhirn kommen wir mehr oder weniger auf die Welt. Das Menschenhirn ist erst ca. mit zwanzig Jahren einigermassen aufgestartet.
Die leadnow-Brille
Die Umdeutung «Kindisch? Limbisch!» ist eine wirksame Brille: Sie verschiebt die Schuldfrage («die benehmen sich wie Kinder») zur System-Frage («unser Gehirn reagiert in diesen Situationen limbisch, weil das Menschenhirn noch nicht vollständig entwickelt ist oder gerade überlastet ist»). Was die Hirn-Ebenen-Analogie im Führungsalltag trotzdem offenlässt: Sie erklärt, warum Verhalten entsteht, aber nicht, wie eine Führungskraft in der konkreten Situation das limbische System des Gegenübers beruhigt, ohne in kuschelfalle-Empathie zu kippen. leadnow ergänzt: Im selbstwirksamkeitsmodell ist die Anerkennung der limbischen Realität der erste Schritt — wer so führt, als ob alle Beteiligten im Menschenhirn-Modus wären, führt an der Realität vorbei; die expertenfalle ist die Variante, in der die Führungskraft das eigene Limbisch-System verleugnet.
Die Spiegelfrage
Könnte es sein, dass Sie in einer Situation der letzten Woche auf eine Reaktion gestossen sind, die Sie als «unangemessen» oder «kindisch» eingeordnet haben — und dass die Reaktion limbisch war und eine ganz andere Antwort gebraucht hätte als die, die Sie gegeben haben?
Der nächste Schritt
Erkennen Sie dieses Muster bei sich? Der Leadnow Radar zeigt Ihnen in fünf Minuten, wie ausgeprägt es in Ihrer Organisation ist — anonym und kostenlos.
Verwandte Einträge
Diese Woche ausprobieren
Dieser Eintrag («Kindisch? Limbisch!») beschreibt ein Muster. Bevor Sie etwas verändern, lohnt sich die Beobachtungsphase — drei kleine Schritte:
- Beobachten, bevor Sie handeln. Notieren Sie eine Woche lang jede Situation, in der das beschriebene Muster bei Ihnen oder im Team auftritt. Keine Bewertung, nur Erfassen.
- Eine Mikro-Konsequenz ziehen. Wählen Sie die kleinste wiederkehrende Situation und ändern Sie dort genau Ihren nächsten Schritt — minimal, reversibel, beobachtbar.
- Einen Sparringspartner fragen. Erzählen Sie jemandem Ihres Vertrauens eine konkrete Episode aus dieser Woche. Fragen Sie nicht um Rat — fragen Sie: «Was siehst du, was ich nicht sehe?»
Nach einer Woche: ist das Muster noch da, aber jetzt sichtbar? Dann lohnt sich der Leadnow-Radar-Schritt. Ist es nicht mehr aufgetaucht? Dann war es eine Phase, kein Muster — und Sie wissen jetzt, wie Sie es beim nächsten Mal erkennen.
Wann das Wiki nicht reicht
Dieser Eintrag ist eine Diagnose, keine Therapie. Er ist hilfreich, wenn Sie einen Mechanismus erkennen und ein erstes Vokabular dafür haben. Er ist nicht ausreichend, wenn:
- Akute Krise. Wenn etwas brennt (Mitarbeiter kündigt, Kunde springt ab, Cashflow eng), brauchen Sie kurzfristige Entscheidungshilfe, nicht einen Wiki-Eintrag. Holen Sie sich jemanden an den Tisch, der mit Ihnen in 48 Stunden sortiert — Paten, Beirat, Bank, Coach.
- Strukturelle Blockaden. Wenn ein Mechanismus seit Jahren besteht und niemand ihn brechen kann, liegt das an Kräften, die ein einzelner Eintrag nicht erreicht: fehlende Eigentümerschaft, dysfunktionale Aufsicht, persönliche Risiken für einzelne Schlüsselpersonen. Das ist Beratung, nicht Information.
- Eigene Betroffenheit. Wenn Sie gerade mitten in einer Krise stecken, lesen Sie das hier falsch — Sie projizieren Ihre Geschichte in das Muster. Warten Sie drei Tage, lesen Sie dann nochmal.
- Kulturelle Differenzen. Wenn Ihr Unternehmen in einem anderen rechtlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Kontext arbeitet als hier angenommen (Schweizer KMU), gilt vieles, aber nicht alles. Vergleichen Sie die Annahmen, bevor Sie die Schlüsse übernehmen.
In allen vier Fällen: das Wiki hilft Ihnen, das Muster zu sehen. Es ersetzt nicht die Arbeit, es zu bewegen. Wenn Sie bereit sind zu handeln, aber nicht wissen wo — schreiben Sie uns über den Kontakt am Ende des Eintrags.