Titel & Einordnung
Der aktuelle Stand des Irrtums — aus dem Leadnow-Wissensarchiv (Psychologie der Führung / Wahrnehmung - Interpretation).
Der Inhalt
Filter sind gleichzeitig das Beste und das Schlechteste das wir Menschen haben: Filter helfen uns, überhaupt zu funktionieren in der Welt, ohne uns in Details zu verlieren. Andererseits machen uns Filter an gewissen Stellen blind.
Wir brauchen Filter - aber wir sollten sie kennen und regelmässig justieren.
Es prasseln laufend ganz viele Informationen auf uns ein. Wir haben keine Chance, alle zu verarbeiten. Jede und jeder von uns hat starke Filter eingebaut, um überhaupt etwas zu verstehen.
Doch jeder Filter hat auch ein Problem: Er filtert. Er vereinfacht. Gewisse Dinge werden ausgeblendet. Dies führt zu Wahrnehmungsverzerrungen, zu Messfehlern oder neudeutsch zu biases. Es gibt dutzende biases. Sie lassen sich in drei Gruppen darstellen:
| Information | Bedeutung | Zeit |
|---|---|---|
| Die Informationen sind endlos, wir müssen einen Teil herausfiltern. |
Wir verstehen die Welt nur, wenn wir uns auf einen Blickwinkel festlegen. Jeder Blickwinkel hat jedoch notwendigerweise einen blinden Fleck.
Ohne Blinde Flecken gibts kein Erkennen.| Es gibt unendlich Möglichkeiten, wie Informationen zusammenhängen.
Wenn wir uns nicht entscheiden, entsteht keine Bedeutung. Mit jedem Entscheid für einen Zusammenhang, entscheiden wir uns gegen andere Bedeutungen.| Unendlich Informationen mal unendlich Möglichkeiten. Es braucht viel Zeit, das alles zu analysieren.
Zeit die oft fehlt, wie dieser Manager-Spruch zeigt: Lieber ein schneller Entscheid als gar keiner. Denn wer nicht entscheidet, entscheidet falsch.
Strategie: Filtern
Wir alle filtern gnadenlos. Das ist nicht schlimm. Schlimm ist, wenn man es sich nicht bewusst ist. Hier ein schönes Beispiel selektiver Wahrnehmung..| Strategie: Sensemaking
Unser Hirn lechzt nach Passung. Was nicht passt, wird passend gemacht. Durch Weglassen oder Hinzufügen von Informationen.
| Strategie: Abkürzung zum Fazit
Unter Zeitdruck neigen wir dazu, auf Bekanntes zu setzen. Lieber der Spatz in der Hand…
(Angelehnt an Bustor Benson)
Filter sind überlebenswichtig. Um in unserer Welt zu funktionieren, braucht es sie. Was es jedoch ebenso braucht, ist ein systematisches Reflektieren dieser Filter. Welche sind nicht mehr zeitgemäss? Wo will oder muss ich einen Filter vorübergehend ausschalten, weil er wichtiges ausblendet?
Die Darstellung von Buster Benson liefert einen guten Überblick über bekannte biases (Click aufs Bild führt zu seiner Website):
Weitere Quellen
Ein Grunddilemma beim Führen: Je mehr Klarheit man als Führungskraft gibt, umso grösser die blinden Flecken! Halt und Orientierung geben
Viele beschriebenen Methoden haben zum Ziel, seine Filter zu justieren. Insbesondere Feedback geben. Wirksames Feedback: Fakt und Emotion
Die Konstruktivisten erklären biases aus einem anderen Blickwinkel (mit anderen Blinden Flecken). Für sie gibt es gar keine Realität, folglich auch keine Biases. Warum Realität individuell ist
Die leadnow-Brille
Buster Bensons Bias-Übersicht ist im Führungsalltag selten so nützlich wie in der Selbstanwendung: Sie zeigt, dass jede Führungskraft mit hoher Klarheit zwangsläufig auch grosse blinde Flecken hat — und dass die einzige Frage nicht «Wie werde ich bias-frei?» lautet, sondern «Welche Filter justiere ich regelmässig?». Was der Artikel im Führungskontext trotzdem offenlässt: Er ist eine Phänomenologie, keine Heuristik — er erklärt die Verzerrungen, aber er sagt nicht, wann welche Führungskraft welche Filter deaktivieren sollte. leadnow ergänzt: Im selbstwirksamkeitsmodell sind Filter der Grund, warum eine Führungskraft im «Bemüht»-Modus verharrt — wer seine Filter nicht kennt, schreibt seine Situationen der Welt zu, nicht der eigenen Wahrnehmung; Feedback wird dann zur Bedrohung statt zur Justierung.
Die Spiegelfrage
Könnte es sein, dass Sie in einer Entscheidung der letzten zwei Wochen einem «blinden Flecken»-Filter aufgesessen sind — und dass eine Person in Ihrem Umfeld diesen Filter gerade gesehen hat, aber nicht angesprochen hat?
Der nächste Schritt
Erkennen Sie dieses Muster bei sich? Der Leadnow Radar zeigt Ihnen in fünf Minuten, wie ausgeprägt es in Ihrer Organisation ist — anonym und kostenlos.
Verwandte Einträge
Diese Woche ausprobieren
Dieser Eintrag («Der aktuelle Stand des Irrtums») beschreibt ein Muster. Bevor Sie etwas verändern, lohnt sich die Beobachtungsphase — drei kleine Schritte:
- Beobachten, bevor Sie handeln. Notieren Sie eine Woche lang jede Situation, in der das beschriebene Muster bei Ihnen oder im Team auftritt. Keine Bewertung, nur Erfassen.
- Eine Mikro-Konsequenz ziehen. Wählen Sie die kleinste wiederkehrende Situation und ändern Sie dort genau Ihren nächsten Schritt — minimal, reversibel, beobachtbar.
- Einen Sparringspartner fragen. Erzählen Sie jemandem Ihres Vertrauens eine konkrete Episode aus dieser Woche. Fragen Sie nicht um Rat — fragen Sie: «Was siehst du, was ich nicht sehe?»
Nach einer Woche: ist das Muster noch da, aber jetzt sichtbar? Dann lohnt sich der Leadnow-Radar-Schritt. Ist es nicht mehr aufgetaucht? Dann war es eine Phase, kein Muster — und Sie wissen jetzt, wie Sie es beim nächsten Mal erkennen.
Wann das Wiki nicht reicht
Dieser Eintrag ist eine Diagnose, keine Therapie. Er ist hilfreich, wenn Sie einen Mechanismus erkennen und ein erstes Vokabular dafür haben. Er ist nicht ausreichend, wenn:
- Akute Krise. Wenn etwas brennt (Mitarbeiter kündigt, Kunde springt ab, Cashflow eng), brauchen Sie kurzfristige Entscheidungshilfe, nicht einen Wiki-Eintrag. Holen Sie sich jemanden an den Tisch, der mit Ihnen in 48 Stunden sortiert — Paten, Beirat, Bank, Coach.
- Strukturelle Blockaden. Wenn ein Mechanismus seit Jahren besteht und niemand ihn brechen kann, liegt das an Kräften, die ein einzelner Eintrag nicht erreicht: fehlende Eigentümerschaft, dysfunktionale Aufsicht, persönliche Risiken für einzelne Schlüsselpersonen. Das ist Beratung, nicht Information.
- Eigene Betroffenheit. Wenn Sie gerade mitten in einer Krise stecken, lesen Sie das hier falsch — Sie projizieren Ihre Geschichte in das Muster. Warten Sie drei Tage, lesen Sie dann nochmal.
- Kulturelle Differenzen. Wenn Ihr Unternehmen in einem anderen rechtlichen, kulturellen oder wirtschaftlichen Kontext arbeitet als hier angenommen (Schweizer KMU), gilt vieles, aber nicht alles. Vergleichen Sie die Annahmen, bevor Sie die Schlüsse übernehmen.
In allen vier Fällen: das Wiki hilft Ihnen, das Muster zu sehen. Es ersetzt nicht die Arbeit, es zu bewegen. Wenn Sie bereit sind zu handeln, aber nicht wissen wo — schreiben Sie uns über den Kontakt am Ende des Eintrags.
