Titel & Einordnung

Stefan Kühl, Jahrgang 1966, ist Professor für Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld und arbeitet seit 1992 als Organisationsberater bei Metaplan. [quelle: brauchbare-illegalitaet-kuehl] In Brauchbare Illegalität. Vom Nutzen des Regelbruchs in Organisationen (Campus Verlag, 2020, ISBN 978-3-593-51301-0) [quelle: brauchbare-illegalitaet-kuehl] wendet er sich gegen die populäre Annahme, Regeltreue sei gleich Wirksamkeit. Sein Befund: In jeder arbeitsteiligen Organisation gibt es einen Strom funktionaler Regelabweichungen, der die offiziellen Programme überhaupt erst lauffähig hält.

Der Inhalt

Die Grundthese. Kühl argumentiert organisationssoziologisch, nicht moralisch. Jede grössere Organisation hat formale Regeln (Handbücher, Prozessbeschreibungen, Compliance-Vorgaben) und zugleich ein Netz inoffizieller Praktiken, mit denen Mitarbeitende die Lücken der Formalstruktur schliessen. Diese Abweichungen sind kein Versagen einzelner Personen, sondern eine Voraussetzung dafür, dass Aufträge überhaupt fristgerecht, kundenfreundlich und mit gesundem Menschenverstand erledigt werden können. [quelle: brauchbare-illegalitaet-kuehl]

Drei Formen der Regelabweichung. Kühl unterscheidet im Buch zwischen Regelverletzungen, die das System stabilisieren (etwa die bewusste Umgehung starrer Genehmigungsschleifen, damit ein Liefertermin gehalten werden kann), Regelverletzungen, die das System unterlaufen, und Regelverletzungen, die es schlicht neutral variieren. Die erste Form ist die, die er als brauchbar bezeichnet: Sie entlastet die Organisation davon, jeden Sonderfall über die formale Hierarchie zu eskalieren.

Warum die übliche Reaktion nicht hilft. Der typische Reflex auf Regelbrüche ist mehr Kontrolle: mehr Audits, mehr Compliance-Schulungen, mehr Moralisierung. Kühl wendet ein, dass eine vollständig geschlossene Formalstruktur gar nicht funktionieren kann, weil sie die Komplexität des Alltags nie vollständig abbildet. Wer die inoffiziellen Praktiken austrocknet, erzeugt nicht mehr Regeltreue, sondern nur mehr versteckte Regelbrüche. [quelle: brauchbare-illegalitaet-kuehl]

Kühls zweiter, härterer Punkt. In Heuchelei statt Konflikt (Kapitel im Band Organisierte Moral, Springer VS 2021) zeigt er, dass eine zunehmende Moralisierung von Organisationen dazu führt, dass Konflikte nicht mehr offen ausgetragen, sondern moralisch kodiert werden — der Widerspruch wird zur Charakterfrage. [quelle: brauchbare-illegalitaet-kuehl] Aus Sicht des Energiekreislaufs ist das ein Dauerfrass: Konflikte werden nicht gelöst, sondern personalisiert.

Die empirische Substanz. Kühl stützt sich auf organisationssoziologische Feldforschung in Unternehmen, Ministerien und Verwaltungen, die er über Jahre bei Metaplan begleitet hat. Die Argumentation ist theoriegesättigt, aber illustrativ an Beispielen entlang geführt: Beschaffung, Genehmigungsverfahren, Personalentscheidungen, IT-Sicherheit. [quelle: brauchbare-illegalitaet-kuehl]

Rezeption. Das Buch wurde 2020/2022 in mehreren soziologischen Fachbesprechungen aufgegriffen; in seinem Podcast Der ganz formale Wahnsinn (zusammen mit Andreas Hermwille) vertieft Kühl die Thesen regelmässig. [quelle: brauchbare-illegalitaet-kuehl]

Die leadnow-Brille

Kühl liefert das Vokabular für ein Phänomen, das jede Patronin kennt: Die Mitarbeitenden halten den Laden am Laufen, indem sie Regeln kreativ auslegen — und dieselbe Patrone schimpft über mangelnde Disziplin, wenn sie einen konkreten Fall sieht. Beides stimmt, beides hat seinen Preis. Was Kühl dem KMU-CEO gibt, ist die Erlaubnis, das nicht als Charakterschwäche der Beteiligten, sondern als Strukturmerkmal arbeitsteiliger Organisationen zu lesen. Die Organisationsdynamik lebt von dieser Lücke, und der Energiekreislauf entscheidet, ob die unausgesprochenen Regelbrüche Energie freisetzen oder fressen. Die Grenze: Kühl beschreibt das Muster, gibt aber keine operationalisierbare Heuristik, wann ein Regelbruch noch brauchbar und wann er organisationsschädigend ist. Diese Unterscheidung ist im konkreten KMU-Alltag eine Führungsfrage, die leadnow nicht verschenkt.

Die Spiegelfrage

Könnte es sein, dass die “Disziplinprobleme”, die Sie in Ihrer Organisation am meisten ärgern, in Wahrheit die Stelle sind, an der Ihr System überhaupt noch funktioniert — und dass eine konsequent zugeknöpfte Compliance diese Stelle nicht heilt, sondern nur unter die Wasseroberfläche drückt?

Der nächste Schritt

Bevor Sie das nächste Compliance-Programm starten: Führen Sie mit Ihrer GL ein ehrliches “Regelbruch-Inventar” durch. Welche offiziellen Regeln werden im Alltag regelmässig umgangen? Welche davon retten Kundenbeziehungen, Liefertermine oder schlicht die Moral — und welche kosten tatsächlich Geld oder Vertrauen? Erst sortieren, dann regulieren. Der Leadnow Radar zeigt Ihnen, wie ausgeprägt die unausgesprochenen Regelbrüche in Ihrer Organisation sind — und wo der erste Hebel liegt, sie ehrlich sichtbar zu machen.

Zum Radar →

Verwandte Einträge

  • organisationsdynamiken — Kühl liefert das Vokabular für die unausgesprochenen Schichten, die in jeder Organisation wirken.
  • energiekreislauf-der-fuehrung — ob Regelbrüche Energie freisetzen oder fressen, entscheidet sich hier.
  • kuschelfalle — die brauchbare Illegalität ist oft das, was im Hintergrund läuft, wenn oben Harmonie gespielt wird.
  • hr-falle — die HR-Falle entsteht, wo “Regelbruch” reflexhaft mit Charakterproblem verwechselt wird.
  • edgar-schein-organisationskultur — Kühl ergänzt Scheins Ebenen-Modell um die informelle Schicht der Regelabweichung.
  • tyranny-of-metrics — Mullers Metrik-Kritik zeigt, wo brauchbare Illegalität durch Messbarkeits-Ideologie provoziert wird.

Offene Fragen

  • 2026-07-08: Wo verläuft die Grenze zwischen “brauchbarer” und “schädigender” Illegalität im konkreten KMU? Braucht es eine eigene Heuristik pro Branche, pro Funktion, pro Reifegrad?
  • 2026-07-08: Kühl betont, dass vollständige Formalisierung nicht funktioniert — aber gilt das auch für junge, kleine Organisationen, in denen die Informalität ohnehin dominiert? Oder ist es ein Phänomen, das erst ab einer bestimmten Grösse und Regel-Dichte entsteht?
  • 2026-07-08: Wie lässt sich das Phänomen im eNPS oder in der Engagement-Diagnostik überhaupt sichtbar machen, ohne die unausgesprochenen Schichten durch das Messen selbst zu zerstören?

Quellen